Die Nachricht des Tages ist nicht der Wahlsieg der Grünen – so fulminant ihre Aufholjagd auch gewesen sein mag. Sondern dass die AfD mit 18,8 Prozent ihr Ergebnis im Vergleich zur letzten Wahl 2021 nahezu verdoppelt und damit ihre (bisher) beste Wahl in einem westdeutschen Bundesland bestritten hat (Hessen 2023: 18,4 Prozent).
Für Progressive besonders schmerzhaft: Nachwahlbefragungen zufolge erzielte die AfD ihre besten Ergebnisse bei Menschen in schlechter finanzieller Lage (41 Prozent) sowie bei Arbeiterinnen und Arbeitern (37 Prozent). Auch in Baden-Württemberg zeigt sich: Wer Arbeitende und Arme im Stich lässt, schickt sie in die Hände der AfD. Dagegen kann nur ein glaubwürdiger Linkspopulismus helfen.
Die Krise des deutschen Exportmodells trifft Baden-Württemberg hart
Das deutsche Wirtschaftsmodell wird seit nunmehr sechs Jahren von einer Krise nach der anderen gebeutelt. Das hat insbesondere Baden-Württemberg (Ba-Wü) als traditionsreiche industrielle Kernregion schwer getroffen: Der Arbeitgeberverband Südwestmetall schätzt, dass seit 2019 mindestens 55.000 Industriearbeitsplätze verloren gegangen sind. Das trifft zunehmend ganze Belegschaften wie bei der geplanten Schließung des Bosch-Werks in Waiblingen, das bis 2028 nach China ausgelagert wird.
Neben hausgemachten Problemen wie zu hohen Energiepreisen und einer zu niedrigen Binnennachfrage wird die Industrie vor allem von geoökonomischen Faktoren unter Druck gesetzt. Zu der wachsenden Konkurrenz aus China kommen die Trump-Zölle aus den USA, die seit Jahren das wichtigste Exportland für Unternehmen aus Baden-Württemberg sind. Inflationsbereinigt sanken die Exporte aus Baden-Württemberg seit 2022 drei Jahre in Folge, besonders betroffen sind die Abnehmer USA (minus 12,7 Prozent in 2025) und China (minus 15 Prozent).
Die Krise der Industrie schlägt durch die schwindenden Gewerbesteuereinnahmen direkt auf die öffentliche Kassenlage im Land und in den Kommunen durch. Viele Städte und Kommunen im Ländle haben bereits Einstellungsstopps verhängt, Leistungen und Förderungen gestrichen sowie ihre Investitionen gestreckt. Das bedeutet im Zweifel: Kein Bus, Schwimmbad oder Jugendzentrum mehr – oder all das deutlich teurer. Das ist Gift für den sozialen Zusammenhalt und Brandbeschleuniger für die AfD.
Die AfD ist keine reine Protestpartei mehr
Diese Krise drückt sich symptomatisch im Wahlkreis mit dem einzigen Direktmandat der AfD sowie der niedrigsten Wahlbeteiligung aus: Mannheim I. Dieser umfasst die Stadtbezirke nördlich des Neckar, die von der Industriearbeiterschaft geprägt wurden und von der Gründung der Bundesrepublik bis 2011 als SPD-Hochburgen galten. Hier gibt es dem Mannheimer Sozialatlas zufolge viele Stadtteile mit den größten sozialen Problemlagen, den höchsten Arbeitslosenquoten und Ausländeranteilen – und der Wahlkreis ging bereits 2016 an die AfD.
Hier herrscht das Gefühl vor, von der Politik aufgegeben und den Umbrüchen der jüngeren Zeit schutzlos ausgesetzt zu sein. Auf die soziale Desintegration folgt die Auflösung traditioneller Wählermilieus in die Protest- oder Nichtwahl. Gerade die Nichtwähler weiß die AfD mit Protestbotschaften zu mobilisieren, mit 190.000 Stimmen aus dieser Gruppe liegt hier die größte Wählerwanderung vor. Die genauere Auswertung wird zeigen, ob die AfD auch bei Menschen mit Migrationshintergrund weiter zulegen konnte.
Sozialstrukturell ist auch der Wahlkreis Pforzheim mit Mannheim I vergleichbar, wo die AfD mit 26,4 Prozent nach Zweitstimmen Siegerin wurde. Doch die guten Ergebnisse in städtischen Bezirken sind eher die Ausnahme, stark schnitt die AfD vor allem in ländlicheren Regionen wie dem Schwarzwald ab. Im Wahlkreis Tuttlingen-Donaueschingen erzielte die AfD ihr bestes Zweitstimmenergebnis von 26,7 Prozent, noch hinter der CDU.
