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Trotz Inflation: US-Unternehmen verkauft seit 33 Jahren Eistee für 99 Cent

Trotz Inflation verkauft AriZona Iced Tea seit 33 Jahren Eistee für 99 Cent. Preise zu erhöhen, ist auch eine unternehmerische Entscheidung.

5 Minuten Lesedauer

Der zuckrige Eistee für 99 cent. Credit: IMAGO / Zoonar

Derzeit gehen regelmäßig Fotos und Videos aus den USA viral, die die absurd hohen Preise für alltägliche Lebensmittel wie Eier zeigen. Die Inflation in dem Land ist – nicht zuletzt bedingt durch Trumps Handels- und Wirtschaftspolitik – hoch. Der Frust ebenso. Da ist umso erstaunlicher, dass ein großes US-amerikanisches Unternehmen diesem Trend trotzt. Arizona Iced Tea hält seit über drei Jahrzehnten den Preis für sein Produkt bei unter 1 Dollar. Und beweist damit: Den eigenen Gewinn auf Kosten der Verbraucherinnen zu maximieren, ist auch in einem kapitalistischen System die aktive Entscheidung einzelner Unternehmer. Denn ungeachtet zahlreicher Krisen und Großereignisse bleibt der Preis für eine Dose Eistee seit der Firmengründung im Jahr 1992 stabil. Sei es das Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000, die Finanzkrise 2007/2008 und die darauffolgende Rezession oder zuletzt die Pandemie und die anschließende Inflationskrise. Wie kann das sein? 

Keine Werbekosten

Gegründet wurde AriZona nicht im gleichnamigen Bundesstaat, sondern in Brooklyn von den Freunden John Ferolito und Don Vultaggio, der seit 2015 alleiniger Vorstand ist. Von Anfang an führten sie das Unternehmen nach drei simplen Regeln, wie die New York Times in einem aktuellen Porträt über Vultaggio schreibt: Make it taste good, make it look good and price it right. Vor allem Letzteres ist Programm: Bei seinen »Tallboys«, wie die 680-Milliliter-Dosen im Firmenjargon bezeichnet werden, gehört seit 1997 der Aufdruck »99 ct« fest zum grafischen Design. Ein riskantes Kalkül: Seit dem Jahr 2000 hat sich der Preis für Fruktosesirup verdreifacht, Aluminium ist ebenso bedeutend teurer geworden wie Benzin, das für die Auslieferung gebraucht wird. Laut dem Inflation Calculator der US-Regierung entsprechen 0,99 im Jahr 1992 heute 2,32 Dollar. Generell sind die Lebensmittelpreise in den USA allein von 2020 bis 2024 um 23,6 Prozent gestiegen. Dass AriZona trotz dieser Entwicklung beim selben Preis bleibt, ist zum einen auf Produktinnovationen zurückzuführen. Die Wände der Dosen wurden im Laufe der Jahre dünner – inzwischen wird 40 Prozent weniger Aluminium verbraucht als früher. Das bedeutet nicht nur ein Ersparnis beim Material, sondern auch weniger Gewicht und somit geringere Transportkosten.

Der wahrscheinlich größte Kostenfaktor, den Vultaggio einspart, sind aber nicht Verpackung oder Auslieferung, sondern im Marketing. Er wolle keinen Werbeclip beim Super Bowl einspielen lassen (der weltweit teuerste Platz für Werbung: 2025 kostete ein dreißig Sekunden langes Video rund 8 Millionen Dollar) und keine Stars für Werbung buchen, betonte der Inhaber mehrfach in Interviews. Was einst aus der Not geboren war – bei der Gründung hatte AriZona nicht das Geld für solche Ausgaben –, ist heute Firmenprinzip. Deswegen habe man von Anfang an auf die »Tallboys« gesetzt: Aufgrund ihrer Größe fallen sie im Kühlschrank auf. Auch online promotet sich die Marke primär über ihren niedrigen Preis. In einem viralen Tweet vom 22. Januar 2025 etwa kommentierte der AriZona-Account auf X die erneute Preisanhebung von Netflix-Abos spitzbübisch mit: »AriZona Iced Tea is still 99 cents«. Ein gelungenes Marketing: Der Tweet bekam gut 760.000 Likes.

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Isabella Caldart

Isabella Caldart ist freie Journalistin aus Frankfurt und schreibt primär über gesellschaftliche, popkulturelle und literarische Themen. 2024 erschien ihr Buch »Nirvana. 100 Seiten« im Reclam Verlag.

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