zum Inhalt
Das Wirtschaftsmagazin

Wettmärkte wie Polymarket und Kalshi sind ein Symptom des Niedergangs

Auf alles wetten, was in der Welt passiert: Wettplattformen sind gefährlich und treiben die Finanzlogik auf die Spitze.

6 Minuten Lesedauer

Auf Plattformen wie Polymarket oder Kalshi kann man auf so ziemlich alles wetten. Credit: IMAGO/ABACAPRESS

Bei der Verleihung der Golden Globes im Januar flimmerten ungewöhnliche Einblendungen über die Fernsehbildschirme. Zwischen den Preisreden waren immer wieder Prozentzahlen zu sehen, die zeigten, wie Nutzer einer Wettplattform die Gewinnchancen der Nominierten einschätzten. In Echtzeit konnte man darauf tippen, wer einen der begehrten Film- und Fernsehpreise gewinnt. Was früher auf Sportwetten beschränkt war, breitet sich in den USA mit den Anbietern Polymarket und Kalshi auf jedes erdenkliche gesellschaftliche Ereignis aus.

Wie viel Schnee bringt der nächste Blizzard? Bricht ein Krieg zwischen den USA und dem Iran aus? Wer gewinnt die nächsten Wahlen? Nach einem Gerichtsurteil aus dem Jahr 2024, das Wetten auf alle nicht-illegalen Aktivitäten erlaubte, erfahren diese sogenannten prediction markets (Vorhersagemärkte) ein explosives Wachstum. Das Wettvolumen pro Monat stieg laut einem Bericht von 100 Millionen Dollar Anfang 2024 auf 13 Milliarden Dollar Ende 2025 – eine 130-fache Steigerung in weniger als zwei Jahren. Während Befürworter die Märkte als innovative Prognoseinstrumente feiern, kämpfen Regulierungsbehörden, Bundesstaaten und traditionelle Glücksspielbetreiber juristisch gegen die Plattformen – und werfen grundlegende Fragen über ihre Ethik und Legalität auf.

Welche Zukunft soll es sein?

Vorhersagemärkte für alles und jeden kamen bisher nur in den feuchten Träumen von Ökonomen vor: Man stelle sich vor, man könne sich auf jede erdenkliche Art gegen die unsichere Zukunft absichern und dabei von der dezentralen Schwarmintelligenz des Marktes geleitet werden. Termingeschäfte gibt es zwar schon seit der Antike – damals, um sich gegen Ernteausfälle abzusichern –, aber erst in den 1970er Jahren wurde es aufgrund des technologischen Fortschritts und Deregulierung möglich, diese Geschäfte im großen Umfang mit allen möglichen Waren und Wertpapieren standardisiert zu bepreisen und elektronisch durchzuführen. Doch bislang blieben diese Optionsgeschäfte hauptsächlich auf wirtschaftliche Aktivitäten beschränkt und Finanzakteuren vorbehalten. Ereignisse außerhalb der Wirtschaft waren nur interessant, sofern sie Auswirkungen auf Märkte und Preise hatten. Mit Polymarket und Kalshi (angelehnt an das arabische Wort für »alles«) dehnt sich diese Idee auf die gesamte Gesellschaft aus. 

Das Geschäftsmodell bewegt sich bewusst in einer Grauzone zwischen Terminkontrakten und klassischen Wettanbietern. Während Buchmacher die Quoten selbst festlegen und als Bank gegen ihre Kunden wetten, agieren Polymarket und Kalshi lediglich als Vermittler (wobei diese Interpretation umstritten ist). Nutzer handeln »Ja«- und »Nein«-Anteile untereinander wie Aktien an einer Börse. Die Plattformen verdienen an Transaktionsgebühren von ein bis zwei Prozent, nicht an den Verlusten der Spieler. Die Quote entsteht durch das kollektive Wettverhalten aller Teilnehmer. 65 Cent für einen Wahlsieg bedeuten etwa, dass die Community das Ereignis für 65 Prozent wahrscheinlich hält. Wird richtig getippt, gibt's für diesen Einsatz 1 Dollar wieder – also 35 Cent Gewinn.

Dem Mitgründer von Kalshi, Tarek Mansour, fehlt es nicht an Selbstvertrauen. Seine »langfristige Vision besteht darin, alles zu finanzialisieren und aus jeder Meinungsverschiedenheit einen handelbaren Vertrag zu schaffen.« Klammern wir das Dystopische an dieser Aussage für später aus, beruhen diese grandiosen Erwartungen an Wettmärkte auf ihrer Präzision. Umfragen messen, was die Menschen zu sagen bereit sind. Wetten messen, was die Menschen wirklich glauben – weil sie dafür ein finanzielles Risiko tragen. Die Amerikaner nennen das »putting one’s money where one’s mouth is«, was so viel heißt wie »den Worten Taten folgen zu lassen«. Den korrekten Ausgang der Präsidentschaftswahlen 2024 und der New Yorker Bürgermeisterwahl letztes Jahr hatte Polymarket früher eingeloggt als andere. Bei den eingangs erwähnten Golden Globes tippten die Nutzer in 26 von 28 Fällen auf die eventuellen Sieger. Das Argument der »Schwarmintelligenz« ist also nicht ganz unbegründet, doch das schließt Irrtümer, Herdenverhalten und manipulierten Handel natürlich nicht aus.

Warum Wettmärkte gefährlich sind

Abonniere unseren kostenlosen Newsletter, um diesen Text weiterzulesen:

Zum Newsletter

Gibt’s schon einen Account? Login

Max Hauser

Max Hauser ist Politökonom und Redakteur bei Surplus. Er hat Volkswirtschaftslehre in Berlin, Rom und Paris studiert.

#6 – Waffen oder Wohlstand

Die Rüstungsindustrie boomt, während beim Sozialen gekürzt wird. Das ist kein Wirtschaftsmodell der Zukunft.

Zum Magazin