Stellen wir uns ein Unternehmen vor, das sein Kerngeschäft jahrzehntelang auf Verschleiß fährt, seine Produktionsstätten verkleinert und gleichzeitig Milliarden in die direkte Konkurrenz investiert. In der freien Wirtschaft wäre dieses Unternehmen längst insolvent. In Deutschland ist diese Situation die verkehrspolitische Realität der letzten drei Jahrzehnte. Der Bund ist alleiniger Eigentümer der gewinnorientierten DB AG. Weil der Bund der Bahn jahrelang Gewinne abschöpfte, geriet sie in einen Interessenkonflikt zwischen Instandhaltung und Rendite. Zum Vergleich: Die Autobahn GmbH wird direkt und ganz ohne Renditedruck aus dem Bundeshaushalt finanziert.
Ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht dieses Dilemma der Verkehrspolitik: Seit der Wiedervereinigung wuchs das Autobahnnetz um rund 2000 Kilometer auf heute fast 13.000 Kilometer. Das Schienennetz dagegen schrumpfte seit der Bahnreform 1994 von 44.600 auf 39.000 Kilometer. Gleichzeitig wächst die Verkehrsleistung auf der Schiene kontinuierlich: seit der Reform um 50 Prozent im Personenverkehr, im Güterverkehr sogar um fast das Doppelte. Auf dem bundeseigenen Schienennetz werden so jährlich mehr als eine Milliarde Kilometer zurückgelegt. Die Bahn, eigentlich der stärkste Hebel für bezahlbare und klimaneutrale Mobilität, operiert am Limit.