Während Dinge des täglichen Bedarfs in den letzten Jahren immer teurer wurden, sank der Preis der vermeintlichen Luxusdroge Kokain. Straßenpreise stagnierten und der Preis auf dem Großmarkt sank innerhalb weniger Jahre von 30.000 auf 15.000 Euro pro Kilo. Der Preisabfall lässt sich nicht auf einen Rückgang der Nachfrage zurückführen, im Gegenteil: Der Konsum der Droge stieg in Europa rasant an. Da Kokain illegal ist, gibt es keine offiziellen Zahlen zur tatsächlich verkauften Menge. Doch die Drogenagentur der Europäischen Union geht von einer steigenden Verfügbarkeit aus, da die EU-Mitgliedstaaten zum siebten Jahr in Folge Rekordmengen beschlagnahmten.
Kulturell wird Kokain oft mit Luxus assoziiert, die Realität sieht mittlerweile anders aus. Regelmäßiger Kokainkonsum findet in allen Teilen der Gesellschaft statt. Es wird als Pulver durch die Nase gezogen oder als »Crack« geraucht. Die Folgen sind bei exzessivem Konsum unter anderem verätzte Nasen, Psychosen sowie starke Abhängigkeit. Gefahren entstehen nicht nur für Konsumentinnen und Konsumenten. Auch dort, wo Kokain produziert, gelagert oder geschmuggelt wird, gibt es Tote. Zuletzt stiegen die Todesfälle in Teilen Lateinamerikas massiv an, besonders in ursprünglich friedlichen Ländern wie Ecuador. Seit 2019 versechsfachte sich dort die Mordrate. Die neuen Schauplätze der Gewalt sowie der ansteigende, günstige Kokainkonsum sind Ergebnis einer neuen logistischen Organisation des Kokainhandels.
Das Ende hierarchischer Kartelle
Figuren wie Pablo Escobar, unter anderem bekannt aus der Netflix-Serie Narcos, vermitteln das Bild des klassischen Kartells, welches anhand starrer Strukturen und mit Gewalt das eigene Revier verteidigt. Diese streng hierarchische Organisation, bei der alle Schritte der Drogenproduktion, Anbau, Verarbeitung und Lieferung vertikal in das Kartell integriert sind, war in den 70ern und 80ern der Status quo. Große Akteure wie das Medellín-Kartell kontrollierten nicht nur eigene Anbauflächen, sondern auch Produktionsstätten zur Weiterverarbeitung sowie eigene Lieferketten. In den letzten Jahrzehnten haben Kartelle jedoch ihre Form verändert. Mitte der 1980er Jahre verstärkten die US-Behörden ihren Kampf gegen den Kokainhandel in der Karibik, was zu einer Verlagerung der Routen nach Mexiko führte. Auch dort wurde Drogenhandel zunehmend verfolgt und im Zuge dessen kleinteiliger. Als zentrale Akteure des Guadalajara-Kartells Ende der Achtziger festgenommen wurden, spaltete sich das Kartell in vier kleinere Organisationen auf.
Die Multiplizierung von Kartellen setzte sich in den folgenden Jahrzehnten fort. Die Zahl der kriminellen Gruppen in Mexiko stieg von weniger als zwanzig im Jahr 2006 auf mehr als 200 im Jahr 2021. Da diese Gruppen miteinander um Einfluss konkurrierten, stiegen auch die Todeszahlen. Zwischen 2006 und 2016 wurden mindestens 73.000 Menschen in Fällen ermordet, die offenbar mit organisierter Kriminalität in Verbindung standen. In den darauffolgenden fünf Jahren, zwischen 2016 und 2021, wurden 70.000 Menschen als vermisst gemeldet.
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