Marienthal, eine Arbeitersiedlung südlich von Wien, wurde 1933 zum Synonym für die Zerstörungskraft der Arbeitslosigkeit. Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel dokumentierten damals in ihrem Buch Die Arbeitslosen von Marienthal, wie der Verlust der Fabrikarbeit nicht nur Einkommen vernichtete, sondern auch Zeitstrukturen, sozialen Zusammenhalt und Lebenssinn. Ihre Studie wurde weltberühmt. Ihre Schlussfolgerung blieb allerdings neunzig Jahre lang ungetestet: Wenn Arbeitslosigkeit all das zerstört, was passiert, wenn man sie abschafft?
Genau das haben wir versucht. Von 2020 bis 2024 lief in Gramatneusiedl, der Gemeinde, zu der Marienthal gehört, das Projekt MAGMA (Modellprojekt Arbeitsplatzgarantie Marienthal): eine Jobgarantie für alle Langzeitarbeitslosen. Das Arbeitsmarktservice Niederösterreich unter Leitung von Sven Hergovich bot jedem Menschen, der länger als zwölf Monate arbeitslos war, eine Stelle an, freiwillig, zum kollektivvertraglichen Mindestlohn, angepasst an individuelle Fähigkeiten und Bedürfnisse. Alle, denen ein Job angeboten wurde, nahmen an. Die Langzeitarbeitslosigkeit war de facto abgeschafft.

Wie man Langzeitarbeitslosigkeit abschafft
Was MAGMA von früheren Beschäftigungsprogrammen unterscheidet, ist nicht nur das Versprechen, sondern die Methode. Wir haben die Jobgarantie als randomisiertes kontrolliertes Experiment evaluiert. Teilnehmende wurden per Zufallsverfahren in zwei Gruppen aufgeteilt: Die eine begann sofort, die andere vier Monate später. Zusätzlich konstruierten wir eine synthetische Kontrollgemeinde aus vergleichbaren Gemeinden, um Effekte auf Gemeindeebene zu messen. Und wir verglichen Teilnehmende mit ähnlichen Langzeitarbeitslosen in Kontrollgemeinden. Drei Methoden, ein Ergebnis: Die Jobgarantie funktioniert.
Die Studie, die jetzt im American Economic Journal: Economic Policy erscheint, zeigt das in klaren Zahlen. Langzeitarbeitslosigkeit in Gramatneusiedl wurde nahezu eliminiert. Über die dreieinhalb Jahre des Programms verbrachten die Teilnehmenden im Schnitt 555 Tage mehr in Beschäftigung. Ihr Nettoeinkommen stieg um 102 Euro pro Monat, in der zweiten Programmhälfte sogar um 228 Euro. Die Nettokosten für die öffentliche Hand lagen bei 237 Euro pro Person und Monat, sanken in der zweiten Hälfte auf 41 Euro. Nicht subventionierte Beschäftigung stieg um 17 Prozent, Selbstständigkeit verdoppelte sich.
Das sind bemerkenswerte Zahlen. Aber die vielleicht wichtigste Erkenntnis lässt sich nicht in Euro messen. Teilnehmende berichteten von mehr Zeitstruktur, besseren sozialen Kontakten, einem stärkeren Gefühl von Zugehörigkeit, Anerkennung und mehr Sinn im Leben. Genau jene fünf Dimensionen, die Jahoda als die »latenten Funktionen« der Arbeit beschrieben hatte, kehrten zurück. Die Jobgarantie drehte Marienthal um: von einer Geschichte der Arbeitslosigkeit und Armut zu einer Geschichte der Beschäftigung und Hoffnung mit internationaler Vorbildwirkung.
Der naheliegende Einwand: Erzeugt eine Jobgarantie nicht falsche Anreize? Warum noch einen regulären Job suchen, wenn der Staat ohnehin einen garantiert? Unsere Daten widersprechen dem klar. Der Übergang aus Kurzzeitarbeitslosigkeit in reguläre Beschäftigung verlangsamte sich in Gramatneusiedl nicht. Es gab keinen Anstieg der Kurzzeitarbeitslosigkeit, keinen Verdrängungseffekt auf dem lokalen Arbeitsmarkt. Die Jobgarantie schuf zusätzliche Beschäftigung, statt bestehende umzuverteilen.
Warum ist das politisch relevant? Weil Langzeitarbeitslosigkeit in Österreich, Deutschland und der EU ein strukturelles Problem bleibt, das herkömmliche Arbeitsmarktpolitik nicht löst. Jobvermittlung, Qualifizierung, Aktivierung, all das hilft vielen, aber eben nicht allen. Es gibt Menschen, für die der reguläre Arbeitsmarkt keine Verwendung hat: zu alt, zu lange draußen, gesundheitlich eingeschränkt. Für sie wird Langzeitarbeitslosigkeit zur Dauerschleife aus Bewerbungen, Absagen und schwindendem Selbstwert. Die Jobgarantie durchbricht diese Schleife.

Was kostet es, Langzeitarbeitslose in Arbeitslosigkeit zu verwalten? Nicht nur Transferleistungen, sondern auch die gesellschaftlichen Kosten: Gesundheitsausgaben, sozialer Rückzug, politische Entfremdung. Die Frage ist nicht, ob wir uns eine Jobgarantie leisten können. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, es nicht zu tun. EU, OECD, und die Vereinten Nationen unterstützen bereits Jobgarantie-Pilotprogramme. Frankreich, Belgien und die Niederlande testen ähnliche Modelle. Marienthal hat zweimal Geschichte geschrieben. Einmal als Warnung. Und jetzt als Beweis, dass es anders geht.
