Der Iran-Krieg hat 14 Millionen Barrel pro Tag aus dem Weltmarkt genommen, bei einem globalen Verbrauch von gut 100 Millionen. Nach jeder Lehrbuchlogik hätte der Ölpreis explodieren müssen. Er ist gestiegen, aber die Katastrophe blieb aus. Der Grund liegt nicht bei OPEC, die während der Krise so schwach war, dass die Emirate ausgestiegen sind. Er liegt in Peking. China hat seine Ölimporte von 10 bis 11 Millionen Barrel am Tag auf knapp über 5 Millionen halbiert. Das ist fast die Hälfte der Anpassung, die während der Coronakrise stattfand, als die halbe Weltwirtschaft stillstand.
Adam Tooze erklärt, wie China das durchgesetzt hat: über strategische Reserven von mehr als einer Milliarde Barrel, gekauft in den Jahren niedriger Preise, über einen Exportstopp für Raffinerieprodukte, über angeordnete Verbrauchskürzungen in der Petrochemie und über den schnellen Umstieg auf Elektromobilität. Ohne Peking hätte der Preis wohl 20 bis 30 Dollar pro Barrel höher gelegen. Dazu: warum Öl anders funktioniert als Pipelinegas und ein niedriger Preis deshalb allen Nettoimporteuren nützt, allen voran dem globalen Süden, warum Monopsonie das entscheidende Stichwort ist und China diese Macht auch bei Eisenerz, Kupfer und seltenen Erden einsetzt, bis zur Verhaftung von Managern, und warum Tooze davon ausgeht, dass China den Peak Oil längst hinter sich hat. Erstaunlich bleibt, wie wenig Peking politisch daraus gemacht hat.

Transkript
Lukas Scholle: Hallo und herzlich willkommen zu einem neuen Video. Ich bin Lukas Scholle, Gründer und Chefredakteur von Surplus und ich habe mit Adam Tooze, einem unserer Herausgeber, über die These gesprochen, dass China mit seiner Politik den globalen Ölpreis reduziert hat – und damit auch den Ölpreis in Deutschland, aber auch in den USA und im globalen Süden.
Adam, wir haben ja in den letzten Monaten öfter über den Iran und die Irankrise gesprochen und über die damit zusammenhängenden Ölpreisfolgen. Und wir waren – wie auch darüber hinaus viele ökonomische Beobachter – ein bisschen erstaunt, dass der Ölpreisschock eher gering ausgefallen ist. Es gab ihn ja sichtbar, er ist deutlich, aber angesichts der Krise ist er vielleicht gar nicht so hoch ausgefallen, wie viele erwartet hätten. Und jetzt klärt sich ein bisschen die Lage, warum das der Fall ist. Und der Economist spricht jetzt davon: »China is the new OPEC.« Was hat es damit auf sich?
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