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Das Wirtschaftsmagazin

Wollen wir wirklich eine Leistungsgesellschaft sein?

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Deutschland ist eine Leistungsgesellschaft. Aber wollen wir überhaupt eine Leistungsgesellschaft sein? Oder vielleicht doch lieber eine solidarische?

Das ist eine Frage, die sich immer mehr Menschen im progressiven Lager stellen. Unter anderem zum Beispiel der Philosoph Michael Sandel von der Harvard University. Der spricht bei der ganzen Idee und dem Konzept von Leistungsgesellschaft von einer Tyrannei. Warum Tyrannei?

Folgendes: Wir haben diese Ideologie, diese Überzeugung, dass jeder seines Glückes Schmied sei, also diese Eigenverantwortung. Wozu führt das? Menschen, die es vermeintlich geschafft haben, die an der Spitze der Pyramide sind, die werden hochnäsig, arrogant. Sie werden vermessen. Und sie denken: Hey, ich bin hier oben und ich bin reich. Allen voran deswegen, weil ich ja so viel geleistet habe. Sie werden hochmütig, und auf der anderen Seite haben wir den Effekt genau andersherum. Menschen in Armut, die hängen vermeintlich in der sozialen Hängematte herum. Die sind faul, die sind dumm, die sind selbst schuld. Obwohl, wenn man sich anschaut, wer eigentlich vor allem Menschen in Armut sind, dann sind es vor allem Kinder, Jugendliche, Rentnerinnen, Alleinerziehende. Ob jetzt ausgerechnet Alleinerziehende, die Leistungsträger in unserer Gesellschaft, wirklich in einer sozialen Hängematte liegen? Auf gar keinen Fall.

Das Problem ist also: Auf der einen Seite haben wir die vermeintlichen Gewinnerinnen, die hochmütig sind, und die anderen, die sind schambehaftet und einfach nur faul und dumm. Das führt dazu, dass das Mitgefühl in der Gesellschaft immer weiter verloren geht, also dass wir auch immer weniger Solidarität zueinander empfinden, weil wir denken, wenn wir eben reich und vermögend sind, wenn wir ein gutes Einkommen erzielen: Jeder kann es doch schaffen, jeder ist doch seines Glückes Schmied.

Die Daten sprechen dagegen. Wir haben keine empirische Evidenz, dass jeder seines Glückes Schmied ist, sondern in Deutschland gilt tatsächlich: Wer in Armut geboren wird, bleibt vermutlich arm. Und wer mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wird, wird ziemlich wahrscheinlich fortan mit diesem speisen.

Martyna Linartas

Martyna Linartas ist Ungleichheitsforscherin und Herausgeberin von Surplus. Sie hat die Wissensplattform ungleichheit.info mitgegründet und das Buch »Unverdiente Ungleichheit« (Rowohlt) veröffentlicht.