Es ist ein kalter Nachmittag Ende Januar. In Berlin liegen die Temperaturen seit Wochen deutlich unter null Grad. Auf Berlins Straßen begegnen einem an vielen Orten wohnungslose Menschen – in Hauseingängen, in U-Bahnhöfen oder in Einkaufszentren. In diesen Tagen klingen Friedrich Merz’ Worte von Oktober hohl nach: »Es wird in Deutschland niemand obdachlos. Jeder, der eine Wohnung oder ein Dach über dem Kopf braucht, bekommt ein Dach über dem Kopf«, sagte er, um härtere Sanktionen gegen Arbeitslose zu verteidigen. Auch wenn es stimmt, dass Notunterkünfte grundsätzlich Menschen aufnehmen, die Gefahr laufen, auf der Straße zu landen, sieht die Realität komplizierter aus, als Friedrich Merz sie gerne darstellt.
Sabine* ist 59 Jahre alt, hat lange blond-graue Haare und einen Pony. Sie trägt einen schwarzen Kapuzenpullover und eine schwarze Jogginghose. Seit ein paar Jahren kann sie nicht mehr richtig laufen und sitzt in einem Rollstuhl. Zusammen mit ihrem Hund Picasso, einem cremefarbenen Golden Retriever, lebt sie in Zimmer 5 in einer Notunterkunft für Wohnungslose in Neukölln, im Süden von Berlin. Das längliche Zimmer hat gelbe, fleckige Wände. Auf der einen Seite steht ein Bett, auf der anderen ein großer Fernseher, ein Kühlschrank und eine alte Mikrowelle. Der Fernseher gehört Sabine. Weitere Möbel gibt es keine, sie sind nicht vorgesehen, es soll ja nur eine Notunterkunft sein. Also lagert Sabine alles, was sie besitzt, in großen Plastikkisten und Pappkartons. »Ein bisschen einrichten muss man es sich aber schon«, sagt sie. »Man bleibt ja doch eine Weile hier.« Sie hat dunkelgrüne Vorhänge aufgehängt und Zimmerpflanzen aufgestellt, an der Wand hängt ein Stadtplan von Neukölln. Bad und Küche teilt sie sich mit den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern.
1400 Euro für ein Mehrbettzimmer
»Es ist nicht schlecht hier. Besser als in vielen anderen Unterkünften«, sagt sie. Dass ihr Zimmer dort 44 Euro die Nacht kostet, versteht sie trotzdem nicht. »So viel Wasser und Strom verbrauchen wir doch nie im Leben.« 44 Euro die Nacht, das sind fast 1400 Euro im Monat. Tatsächlich ist das keine Seltenheit in Berlins Notunterkünften für wohnungslose Menschen. In einigen Einrichtungen nehmen die Betreiber sogar bis zu 80 Euro die Nacht – trotz Mehrbettzimmer und Gemeinschaftsbad.
90 Prozent der Berliner Notunterkünfte sind in privater Hand. Die Berliner Bezirke haben meist keine Verträge mit ihnen, zahlen aber die Kosten. Eine gesetzliche Obergrenze, wie viel eine Nacht kosten darf, gibt es nicht. Den Bezirken bleibt deshalb oft nichts anderes übrig, als die hohen Preise zu akzeptieren. Denn sie sind nach dem Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz (ASOG) gesetzlich verpflichtet, Menschen unterzubringen, die sonst auf der Straße landen würden.
Notfallunterkünfte als Dauerunterbringung
Aktuell haben mehr als 55.000 Menschen in Berlin keine Wohnung. Rund 6000 von ihnen leben auf der Straße, doch die überwiegende Mehrheit von ihnen ist in Notunterkünften untergebracht (rund 47.000). Das ergibt eine Studie des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2024. Die Studie zeigt auch, dass mehr als die Hälfte der untergebrachten Menschen ein Jahr oder länger in den Notunterkünften lebt.
»Das Recht auf Unterbringung nach dem Ordnungsgesetz ist eine Errungenschaft«, erklärt Susanne Gerull. Gerull war bis letzten Oktober Professorin für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit mit den Schwerpunkten Armut und Wohnungslosigkeit an der Alice-Solomon-Hochschule in Berlin. Zuvor hatte sie selbst lange Jahre in der Wohnungslosenhilfe gearbeitet. »Doch dass Menschen dort Jahre oder Jahrzehnte verbringen, war nie vorgesehen«, erklärt sie.
Die Folge: Allein im letzten Jahr mussten Berliner Jobcenter und Sozialämter rund 365 Millionen Euro ausgeben, um wohnungslose Menschen vorübergehend unterzubringen. »Das Geld könnten wir besser nutzen«, ist Gerull sich sicher. »Zum Beispiel, um Belegungsbindungen für sozialen Wohnungsbau zu kaufen oder um städtische Wohnungen fürs Gemeinwohl zu bauen.« Stattdessen fließen jährlich Millionen an öffentlichen Geldern in die Taschen privater Betreiber, die Mehrbettzimmer zu Hotelzimmerpreisen vermieten.
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