In den Industrieländern hört man überall dieselbe besorgte Geschichte. Von Brüssel bis Washington warnen Politiker und Wirtschaftsführer, dass unsere Volkswirtschaften an Wettbewerbsfähigkeit verloren hätten, weil die Löhne zu hoch und die Regulierung zu belastend seien. Man müsse die Arbeitskosten senken und Deregulierungen vornehmen, heißt es, dann würden private Investitionen in Hülle und Fülle fließen.
Diese Diagnose mag für manche wie gesunder Menschenverstand klingen. Doch wir verfügen mittlerweile über reichlich Belege und praktische Erfahrungen, um zu wissen, dass sie völlig falsch ist. In einer neuen Studie für den Europäischen Gewerkschaftsbund sind meine Kollegen und ich dem Geldfluss gefolgt, um diese Hypothese zu überprüfen, und haben die Finanzdaten der 300 größten börsennotierten Nicht-Finanzunternehmen Europas aus den letzten 25 Jahren analysiert. Unsere Ergebnisse sollten politischen Entscheidungsträgern sowohl in Europa als auch darüber hinaus Anlass zur Sorge geben. Seit zwei Jahrzehnten ist Kapital reichlich vorhanden und günstig, und die Unternehmensgewinne sind hoch; dennoch stagnieren Investitionen, Produktivität und Löhne. Der entscheidende Wachstumsengpass war nicht der Preis der Arbeit, sondern die Allokation von Kapital.