Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch »Die neuen Propheten« von dem Ökonomen und freien Autoren Daniel Stähr. Das Buch ist gerade bei S. Fischer erschienen.
Dass viele Ökonominnen und Ökonomen so begierig darauf sind, immer mehr Bereiche unseres Lebens in Märkte zu verwandeln, liegt daran, dass sie Märkte als einen Mechanismus sehen, der begrenzte Ressourcen effizienter verteilen kann als alle anderen Alternativen. Diese Überzeugung hat ihren Ursprung schon im 18. Jahrhundert bei Adam Smith. Es dauerte aber bis in die 1950er Jahre hinein, ehe es den mathematischen Beweis für sie gab.
1951 veröffentlichten Kenneth Arrow und Gérard Debreu fast gleichzeitig und unabhängig voneinander zwei Aufsätze, in denen sie mit Hilfe von komplexen mathematischen Verfahren, die bis dahin kaum Anwendung in den Wirtschaftswissenschaften fanden, theoretisch zeigen konnten, dass Märkte unter ganz bestimmten Annahmen Pareto-effizient sind. Das heißt, dass im Marktgleichgewicht niemand bessergestellt werden kann, ohne jemand anderen schlechterzustellen. Auch wenn nur die wenigsten Ökonominnen und Ökonomen, die ich kenne, diese Arbeiten gelesen, geschweige denn die Rechnung darin nachvollzogen haben, ist dieser Beweis ein wichtiger Eckpfeiler für die Identität der modernen Wirtschaftswissenschaften. Dass dieses theoretische Resultat heute als erster Hauptsatz der Wohlfahrtsökonomik bekannt ist und damit sprachlich in den Rang eines Naturgesetzes erhoben wurde, zeigt, welchen enormen Stellenwert es in der Disziplin hat.
Dabei ist die Liste der Annahmen, die erfüllt sein muss, damit man die perfekte Welt des Arrow-Debreu-Modells erhält, lang: Konsumenten und Produzenten müssen vollkommen rational und einzig darauf bedacht sein, ihren ökonomischen Vorteil zu maximieren. Informationen müssen komplett offenliegen, das heißt, alle Individuen einer Gesellschaft verfügen zur selben Zeit über identisches und vollständiges Wissen. Es darf keinerlei monopolistische Marktmacht aufseiten der Unternehmen geben, und es dürfen keine Externalitäten wie beispielsweise Umweltverschmutzung existieren. Diese Aufzählung kratzt nur an der Oberfläche und lässt sich um zahlreiche technische Annahmen erweitern, aber auch so wird deutlich: Der erste Hauptsatz der Wohlfahrtsökonomik ist ein rein theoretisches Ergebnis, das in der Realität nicht vorkommt.
Daniel Stähr: Die neuen Propheten
Wie Ökonomen unsere Zukunft verspielen. Erschienen am 11. März 2026 bei S. FISCHER.
Wie man mit diesem Resultat umgeht, kann als eine Art Rorschach-Test für Ökonominnen und Ökonomen interpretiert werden. Man kann aus dem Theorem ableiten, dass Märkte allen anderen Verteilungsstrukturen von Ressourcen überlegen sind, weil sie in der Theorie zu dem bestmöglichen Ergebnis führen. Dann würde man sich wahrscheinlich dafür einsetzen, dem optimalen Markt so nahe wie möglich zu kommen. Oder man stellt fest, dass die darin abgebildete Welt in der Realität sowieso nie erreicht werden kann und Märkte dementsprechend niemals vollkommen effizient sein werden. Wenn die Vorstellung von effizienten Märkten sowieso nur ein theoretisches Hirngespinst ist, kann man unbesorgt in sie eingreifen.
Dass die meisten Ökonominnen und Ökonomen, trotz aller Abweichungen der Realität von der perfekten Marktwelt, Märkte dennoch für überlegen halten, liegt ganz entscheidend an ihrer Wertschätzung für den grundlegenden Preismechanismus. In einem wirtschaftswissenschaftlichen Sinne können Marktpreise verschiedene Funktionen erfüllen. Zum einen zeigen sie an, wie selten oder beliebt ein Gut ist. Ein hoher Preis vermittelt also Informationen darüber, dass viele Menschen dieses Produkt wollen oder es nur sehr wenig davon gibt. Ein klassisches Beispiel, wie Preise diese Signalfunktion erfüllen, ist Wasser. In Deutschland bekommt man ein Glas Leitungswasser im Restaurant problemlos gratis. In der Wüste wiederum würde ein Mensch, der kurz vorm Verdursten ist, wahrscheinlich sein gesamtes Vermögen bieten, um ein Glas Wasser zu erhalten. Preise können Informationen darüber liefern, wie bestimmte Produkte in einer Gesellschaft wertgeschätzt werden. Dass man sich auf diese Informationsfunktion von Preisen aber nicht immer verlassen kann, zeige ich in Kapitel 8. An dieser Stelle soll es um einen anderen Aspekt gehen.
Wie werden Güter verteilt?
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