Die gegenwärtige Krise der Weltwirtschaft wird meist als Abfolge externer Schocks beschrieben. Ausgeblendet bleibt dabei der strukturelle Kern des Problems: Nicht nur die sogenannte »regelbasierte Ordnung« gerät unter Druck, sondern auch das gesamte Narrativ und die Ideen, mit denen die marktliberale Globalisierung jahrzehntelang legitimiert wurde. Das hat zuletzt auch der kanadische Premierminister Mark Carney beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos ungewöhnlich klar benannt. In einem größeren Rahmen werden diese Implikationen bislang kaum diskutiert. Dabei muss eine ehrliche Neubewertung der Weltlage bei den Defiziten der Globalisierungserzählung ansetzen.
Die verzerrte Erfolgsgeschichte der Globalisierung
Die Globalisierung wird im Westen häufig als nahezu universelle Erfolgsgeschichte dargestellt. Aggregierte Daten scheinen dies zu stützen: Zwischen 1990 und 2019 sank die Zahl der weltweit extrem Armen – gemessen an der damaligen Schwelle von 1,90 US-Dollar pro Tag – von rund 1,9 Milliarden auf etwa 680 Millionen Menschen. Der Anteil an der Weltbevölkerung ging von rund 36 auf 9 Prozent zurück.
Patrick Kaczmarczyk: Zerfall der Weltordnung
Die Ignoranz des Westens und der Aufstand des Globalen Südens. Erscheint am 2. Februar 2026 im Westend Verlag.
Doch fast zwei Drittel dieses Rückgangs entfielen allein auf China. Rechnet man neben China noch Indien heraus, schrumpft der Fortschritt bei der Bekämpfung extremer Armut noch weiter: In diesem Fall sank die Zahl der extrem Armen weltweit lediglich von rund 700 auf etwa 540 Millionen. China und Indien waren damit für 87 Prozent des Rückgangs der extremen Armut verantwortlich.
Insbesondere außerhalb Asiens sind die Asymmetrien der Weltwirtschaft, von denen Mark Carney in Davos sprach, viel ausgeprägter. In Afrika südlich der Sahara liegt das reale Pro-Kopf-BIP heute kaum höher als in den 1970er Jahren. Lateinamerika und die Karibik erlebten nach zwei verlorenen Jahrzehnten in den 1980er und 1990er Jahren zuletzt erneut eine Phase weitgehender Stagnation. Auch im Nahen Osten, in Nordafrika sowie in Afghanistan und Pakistan blieben die Einkommen über Jahrzehnte nahezu unverändert – trotz teils erheblicher Rohstofferlöse. Hinzu kommt, dass ein Großteil der globalen Armutsreduktion nah an der statistischen Grenze stattfand. Viele Menschen überschritten zwar die Schwelle extremer Armut, verblieben jedoch in hochgradig prekären Verhältnissen: Jede Anhebung der Armutsgrenze um nur zehn Cent pro Tag würde rechnerisch rund 70 Millionen Menschen wieder in die Kategorie extremer Armut fallen lassen.
Wer somit die Globalisierung als eine globale Erfolgsgeschichte verkauft, übersieht, dass das Wachstum vor allem in Asien stattfand – und dort in erster Linie in China. Grundlage des dortigen wirtschaftlichen Erfolgs waren dabei nicht die marktliberalen Programme, die vielen Ländern des Globalen Südens bei ihrer Integration in die Weltwirtschaft aufgezwungen werden, sondern industriepolitische Eingriffe, die eine schrittweise Öffnung mit dem gezielten und strategischen Aufbau von Märkten kombinierten: Preiskontrollen, Joint-Venture-Vorgaben für ausländische Unternehmen, rigide Kapitalverkehrskontrollen und umfangreiche öffentliche Investitionen in Infrastruktur, Bildung, Gesundheit und Wohnungsbau prägten den chinesischen Entwicklungsweg.
Begrenzter Aufstieg, langsames Aufholen
Auch auf makroökonomischer Ebene zeigt sich die Begrenztheit des Aufholprozesses. Seit 2000 stieg das durchschnittliche Einkommensniveau der Entwicklungs- und Schwellenländer nur marginal im Verhältnis zu den Industriestaaten. Gerade im Zeitalter neuer Technologien und globaler Produktionsmöglichkeiten wäre dabei ein schnelleres Aufholen zumindest theoretisch möglich gewesen. Jedoch stieg das durchschnittliche Einkommensniveau der Entwicklungs- und Schwellenländer insgesamt seit dem Jahr 2000 lediglich von rund 7 auf etwa 12 Prozent des Niveaus der Industriestaaten. Rechnet man China und Indien heraus, fielen auch hier die Fortschritte noch geringer aus: von etwa 9 auf gerade einmal 10 Prozent. Die ärmsten Länder der Welt verharren seit rund 25 Jahren bei lediglich 2 bis 3 Prozent des Einkommensniveaus der reichen Staaten. Von einer breiten Angleichung der Lebensverhältnisse kann daher keine Rede sein.
Die Schattenseiten der Globalisierung
Die Lebenswirklichkeit weiter Teile der Welt steht damit im Kontrast zur Erfolgserzählung der Globalisierung, wie sie lange Zeit in Europa und Nordamerika gepflegt wurde. Zu dieser »Diskrepanz zwischen Rhetorik und Realität« (Carney) haben auch westlich dominierte Institutionen beigetragen. Vielen Entwicklungsländern wurden über Jahrzehnte genau jene wirtschaftspolitischen Spielräume verwehrt, die historisch für erfolgreichen Strukturwandel entscheidend waren: der zeitweise Schutz junger Industrien, eine aktive staatliche Industriepolitik und eine kontrollierte Öffnung gegenüber dem Weltmarkt.
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