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Harvard-Professor: Industrialisierung allein reicht nicht

Jahrzehntelang galt Industrialisierung als Königsweg aus der Armut. Dani Rodrik erklärt, warum er seine Meinung geändert hat – und plädiert für ein neues Wachstumsmodell.

4 Minuten Lesedauer
Ein Zuckerwatteverkäufer zwischen Menschen auf einem Markt in Srinagar, Indien. Credit: IMAGO/ZUMA Press Wire
Wie produktiv ist der Dienstleistungssektor? (Symbolbild) Credit: IMAGO/ZUMA Press Wire

Bei einem kürzlichen Treffen von Wissenschaftlern und politischen Entscheidungsträgern in Harvard erinnerte mich ein Teilnehmer daran, dass ich vor 15 Jahren eine Kolumne mit dem Titel »The Manufacturing Imperative« veröffentlicht hatte. Wie der Titel bereits andeutet, betonte der Artikel die Bedeutung der Industrialisierung für das Wirtschaftswachstum, die Schaffung guter Arbeitsplätze und den Aufbau einer Mittelschicht. »Das ist einer meiner absoluten Lieblingsartikel«, sagte der politische Entscheidungsträger aus Afrika zum Publikum.

Es gibt kaum eine größere Belohnung für einen Wissenschaftler, als wenn seine Ideen bei den Menschen, für die er schreibt, starken Anklang finden. Doch in diesem Fall ging das Lob mit einer sanften Zurechtweisung einher. Was ich damals in dieser Kolumne und an vielen anderen Stellen geschrieben hatte, schien in scharfem Widerspruch zu den Argumenten zu stehen, die ich auf dieser Konferenz über die Grenzen der Fertigungsindustrie vorbrachte.

Der Widerspruch war real. In den letzten Jahren bin ich skeptisch geworden, was die Tragfähigkeit des traditionellen, von der Industrialisierung getriebenen Wachstumsmodells angeht. Ich habe mich für ein anderes Modell des Wirtschaftswachstums ausgesprochen, das den Schwerpunkt auf die Entwicklung produktiver Kapazitäten in arbeitsintensiven, meist nicht handelbaren Dienstleistungen legt. Ich habe politische Entscheidungsträger in Afrika und anderen Entwicklungsregionen gewarnt, dass der Versuch, das ostasiatische Modell nachzuahmen, bestenfalls zu Enklaven der verarbeitenden Industrie führen würde, in denen nur ein winziger Teil der produktiven Unternehmen in globale Wertschöpfungsketten integriert ist, während der Großteil der Arbeitskräfte in Tätigkeiten mit geringer Produktivität feststeckt.

Mexiko ist ein Beispiel für dieses Ergebnis. Wie Santiago Levy, ehemaliger stellvertretender Finanzminister Mexikos, auf derselben Konferenz hervorhob, haben sich Mexikos Exporte von Industriegütern mehr als verzehnfacht, seit das Land 1994 gemeinsam mit den Vereinigten Staaten und Kanada das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) unterzeichnete. An der Schwelle zu einem riesigen Markt und mit politischen Entscheidungsträgern, die entschlossen waren, Außenhandel und ausländische Investitionen zu fördern, waren nur wenige Länder mit besseren Voraussetzungen für eine exportorientierte Industrialisierung gesegnet. Dennoch war Mexikos wirtschaftliche Gesamtleistung selbst nach den wenig anspruchsvollen lateinamerikanischen Maßstäben miserabel, mit einer rückläufigen Produktivitätsentwicklung.

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Dani Rodrik

Dani Rodrik, Professor für internationale politische Ökonomie an der Harvard Kennedy School, ist ehemaliger Präsident der International Economic Association und Autor von »Shared Prosperity in a Fractured World« (Princeton University Press, 2025).

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