Da ist sie wieder. Die Inflationsgefahr durch gestörte Lieferketten. Dieses Mal sind es der Krieg gegen den Iran und der von ihm unterbrochene Schifffahrtsweg durch die Straße von Hormuz, die die globalen Handelswege von Öl und Gas stören. So läuft es in dieser neuen Zeit geopolitischer Konflikte: Machtspiele werden in dieser Welt nicht nur militärisch, sondern auch ökonomisch ausgetragen.
Die möglichen ökonomischen Konsequenzen sind drastische Preissteigerungen bei Öl und Gas, die sich zu einer Inflationswelle aufbauen und die gesamtwirtschaftliche Stabilität vieler Volkswirtschaften gefährden könnten. Noch ist nicht sicher, ob es dazu kommt. Aber die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen, zumal die Dauer des Konflikts derzeit nicht absehbar ist. Grund genug, die Gefahrenquellen genauer anzuschauen und rechtzeitig Gegenstrategien zu entwickeln.
Preisschock im Angebot, Kaufkraftverlust in der Nachfrage
Das Muster dieses Preisschocks ist schließlich bekannt. Seit der Ölpreiskrise in den Siebzigerjahren hat es sich mehrfach wiederholt, zuletzt mit dem Beginn des Krieges in der Ukraine und dem Abbruch der Lieferbeziehungen zu Russland.
Es beginnt als Preisschock durch ein verknapptes Angebot eines strategisch wichtigen Gutes. Dazu gehören Gas und Öl, die derzeit noch die Hauptlast der globalen Energieproduktion tragen. Ihre strategische Bedeutsamkeit basiert auf ihrer Verwendung in fast allen Bereichen einer Volkswirtschaft. Energie braucht schließlich jeder. Daher strahlen höhere Gas- und Ölpreise auf fast alle Güter aus. Deren Preissteigerungen bauen sich in ihrem Steigflug zu einer Inflationswelle für alle Bereiche der Wirtschaft auf. Dieser Auftrieb kann zudem eine gefährliche Eigendynamik entwickeln, denn die beteiligten Unternehmen nutzen häufig die Gelegenheit, im Nebel der steigenden Energiekosten zusätzlich noch ihre Gewinnmargen auszudehnen.
Mit diesem Verlauf ändert der Schock seinen Charakter. Was als Preisschock auf der Angebotsseite beginnt, setzt sich als Kaufkraftverlust auf der Nachfrageseite fort. Rollt die Inflationswelle, drückt sie die Realeinkommen der privaten Haushalte und mindert ihre Kaufkraft. Der Absatz beginnt zu stocken. In dieser Phase verlieren die Unternehmen zunehmend ihre Spielräume, die höheren Kosten weiterzugeben. Dies wiederum löst weitere verstärkende Impulse aus:
Die Gewerkschaften werden aus nachvollziehbaren Gründen versuchen, die Kaufkraftverluste durch höhere Löhne auszugleichen. Das erhöht die Produktionskosten und treibt die Inflation trotz nachlassender Konjunktur weiter an – die Inflationsdynamik droht, sich zu verfestigen. Zur Nachfrageschwäche kommt nun noch der Verteilungskampf im konjunkturellen Sinkflug. Die Unternehmen schränken Produktion und Beschäftigung ein. Die Wirtschaft gleitet in eine Rezession mit verfestigter Inflation.
Die Gefahr eines wirtschaftlichen Einbruchs samt Inflation ist also durchaus real. Das wäre nach mehreren Jahren der Stagnation und den ersten, zarten Erholungszeichen für Deutschland besonders belastend.
Abwarten oder reagieren?
Was also tun, um die deutsche Wirtschaft von einem solchen Abwärtsstrudel fernzuhalten? Manche setzen auf das Prinzip Hoffnung. Wenn die Preise für Rohstoffe so stark steigen, erzielen die Rohstoffproduzenten höhere Erlöse. Wenn diese Erlöse für eine erhöhte Nachfrage nach europäischen oder deutschen Produkten verwendet würden, verschwände Nachfrageschwäche von selbst. Doch dies ist gerade in unsicheren Zeiten, und weil das Angebot wegen der Seeblockade tatsächlich verknappt ist, sehr unrealistisch.
