Eine merkwürdige Gleichzeitigkeit kennzeichnet unsere Zeit: An Börsen scheinen ungeheure Gewinne beinahe über Nacht und wie aus dem Nichts heraus zu entstehen. Zugleich zerrinnt uns unsere Zukunft angesichts massiver ökologischer Zerstörung und des fortschreitenden Klimawandels zwischen den Fingern. Timothy Mitchell, Historiker an der Columbia University, geht den Ursprüngen dessen in seinem Buch The Alibi of Capital auf den Grund.
Eva Kaiser: Herr Mitchell, Sie haben eine Geschichte über das Alibi des Kapitals geschrieben. Bevor wir dazu kommen, erklären Sie doch nochmal, was Kapital eigentlich ist.
Mitchell: Kapital ist die Aneignung der Zukunft. Das ist an sich erst einmal nichts Neues. Schon Joseph Schumpeter hat etwas Ähnliches gesagt und auch in jüngerer Zeit haben Leute, die über Finanzialisierung nachdenken, versucht, Kapital als eine Beziehung zur Zukunft zu begreifen. Dort, am Aktienmarkt, liegt es ja sehr nahe, dass die Abschöpfung von Überschüssen eine zeitliche Dimension hat. Wenn ein Unternehmen Anteile an Aktionäre verkauft, dann ist der Wert der Aktien an den zukünftigen Gewinnen des Unternehmens orientiert. Diese zu realisieren, geht auf Kosten der Lohnforderungen der Arbeiter oder bedeutet höhere Preise für Konsumenten. Auf diese Weise eignen sich die Aktionäre eine zukünftige Einkommensquelle an und verwandeln sie in etwas, was in der Gegenwart verfügbar ist. Bezahlen tun das diejenigen, die später kommen.
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