Ob Klaus-Michael Kühne der reichste Deutsche ist, hängt von der Sichtweise ab. Auf der Vermögensliste des Manager Magazins reichte es 2025 nur für Platz 6 und aus steuerlicher Sicht ist er nicht einmal Deutscher. Mit Dividendenerlösen von 4,4 Milliarden Euro für das Jahr 2022 würde er aber in der Einkommensliste sehr weit oben stehen. Auf dieses Rekordeinkommen zahlte er ebenfalls rekordverdächtig niedrige Steuern von weniger als 9 Prozent. Grund dafür ist eine 1998 von Union und FDP verabschiedete Steuersubvention für die Containerschifffahrt – die selbst Klaus Michael Kühne überrascht hat.
»Ich war selbst überrascht, als ich dahinter kam, wie diese Tonnagesteuer abgerechnet wird. Da es das in allen anderen Branchen nicht gibt, fand ich das komisch – das sage ich ehrlich« (Klaus Michael-Kühne im NDR, 2022)
Sein Reichtum geht zurück auf das Logistikunternehmen Kühne + Nagel und damit auch auf die Nazigeschäfte seines Vaters. Er selbst arbeitete dort 17 Jahre lang und konzentrierte sich früh darauf, das geerbte Vermögen »geschickt« zu investieren. Bei Kühne + Nagel und seiner Beteiligung an der Reederei Hapag-Lloyd hat das hervorragend geklappt. Allein mit seiner Leistung lässt sich sein Vermögen aber auf keinen Fall erklären. Er profitierte unter anderem davon, dass die drei großen Reederei-Allianzen, die den Weltmarkt kontrollieren, in der coronabedingten Lieferkettenkrise enorme Preissteigerungen realisieren konnten. Weil er keine Kinder hat, stellt sich nun vor allem die Frage, ob das riesige Vermögen und die wachsenden Dividenden bei seiner Stiftung im Sinne des Gemeinwohls am besten aufgehoben sind.
Das Vermögen: Geschickt investiert?
Im Jahr 1890 gründete sein Großvater das Logistikunternehmen Kühne + Nagel (KN). Dessen jüdischer Geschäftspartner Adolf Maass baute ab 1902 das Hamburger Geschäft auf. Kurz vor der Machtübernahme der Nazis übernahm dann der Vater von Klaus-Michael Kühne (KMK) die Leitung und bald auch die Anteile des Partners. Während dieser wahrscheinlich in Auschwitz ermordet wurde, transportierte KN den Hausrat enteigneter Juden und wurde zum NS-Musterbetrieb gekürt. 1966 übernahm der damals 29 Jahre alte KMK die Leitung des Unternehmens mit knapp 3.500 Mitarbeitern. Sein erster Versuch, ins Reedereigeschäft einzusteigen, scheiterte auch an der Ölkrise und brachte das Unternehmen Berichten zufolge an den Rand des Ruins. Letztlich gelang es KMK aber, das Unternehmen auszubauen. Seine Anteile sind heute knapp 12 Milliarden Euro wert. Außerdem erhielt KMK in den letzten 20 Jahren von KN knapp 5,5 Milliarden Euro Dividenden.
Einen Teil der Ausschüttungen von KN nutzte KMK für weitere Investitionen. Für etwa eine Milliarde Euro beteiligte er sich 2008, gemeinsam mit der Hansestadt Hamburg sowie mehreren Versicherungen und Banken, an der Übernahme der Containerschiffssparte von TUI (Hapag-Lloyd). Zwar mussten die Investoren bis 2020 auf die erste Dividende und nachhaltige Wertsteigerung warten. Dafür erhielt allein KMK in den folgenden vier Jahren aber knapp 6 Milliarden Euro Dividende – im Zuge der Coronaviruspandemie und der darauffolgenden Lieferkettenkrise. Nach einigen kleineren Zukäufen sind seine Anteile an Hapag-Lloyd heute knapp 6 Milliarden Euro wert. Bei seinen restlichen Investments (unter anderem Lufthansa, Brenntag, Flix SE und Aenova sowie Immobilien und Hotels) sind solche Wertsteigerungen bisher ausgeblieben. Deren Wert summiert sich auf etwa 5 Milliarden Euro.
Weil die wichtigsten Unternehmen von KMK börsennotiert sind, sind sie leicht zu bewerten. Dass die Schätzungen zu seinem Vermögen in den verschiedenen Reichenlisten trotzdem so weit auseinandergehen, lässt sich mit deren Methodik gut erklären und zeigt, wie wichtig es ist, sich bei der Reichenforschung nicht allein auf diese journalistischen Quellen zu verlassen. Das Manager Magazin beziffert sein Vermögen mit 23,5 Milliarden Euro. Das entspricht etwa dem Börsenwert seiner öffentlich bekannten Investments. Anders als das Manager Magazin erfasst Forbes einen Teil der Dividenden, zieht davon Ausgaben, zum Beispiel für Philanthropie ab und verzinst das verbleibende Einkommen. So beziffern sie das Vermögen auf 37 Milliarden Euro. Öffentlich nachvollziehen lassen sich davon knapp 30 Milliarden Euro.
Die Transparenz: Ende an der Schweizer Grenze
Durch die vielen börsennotierten Unternehmen ist das Vermögen von KMK vergleichsweise transparent. Aber diese Transparenz endet an der Schweizer Grenze, genauer gesagt bei der dort ansässigen Kühne Holding AG mit Sitz in Schindellegi im Kanton Schwyz, der Schweizer Steueroase in der Nähe von Zürich. Bei dieser Holdinggesellschaft landet ein Großteil der Dividenden von Hapag-Lloyd genauso wie von KN. Was danach damit passiert, lässt sich nicht nachvollziehen, weil Unternehmen in der Schweiz – anders als in fast allen anderen europäischen Ländern – keine Geschäftsberichte veröffentlichen müssen.
Von seinen Dividendeneinnahmen der letzten zwei Jahrzehnte bleiben schätzungsweise 5 bis 6 Milliarden Euro, deren Verbleib deswegen nicht öffentlich nachvollziehbar ist – selbst wenn man zu seinen öffentlich bekannten Investments noch die halbe Milliarde addiert, die er Berichten zufolge bei Signa versenkt hat, und grob eine Milliarde, die seine Stiftung in den letzten 20 Jahren ausgeschüttet hat.
Das Einkommen: Spitzenreiter beim Einkommen, Schlusslicht bei den Steuern
Der Höhepunkt der Lieferkettenkrise im Jahr 2022 bescherte KMK 2023 Rekorddividenden von 4,4 Milliarden Euro. Damit war er wohl einsamer Spitzenreiter in der deutschen Einkommensliga. Rechnet man dazu noch die auf seine Anteile entfallenden Gewinne hinzu, die in seinen Unternehmen einbehalten wurden, lag das Einkommen 2022 sogar bei 7 Milliarden Euro. Selbst als hochbezahlter Manager müsste er dafür 7.000 Jahre arbeiten. In einem »normalen Jahr« wie 2024 verfügt er über ein Einkommen von etwa 2 Milliarden Euro vor Steuern und erhält daraus eine Dividende von etwa 1 Milliarde Euro.
Beim darauf fälligen Steuersatz war er dagegen Schlusslicht. Grund dafür ist vor allem die 1998 von Union und FDP beschlossene Tonnagesteuer. Sie ermöglicht es Schifffahrtsunternehmen, ihren steuerpflichtigen Gewinn nicht anhand der tatsächlichen Preise, sondern anhand des Transportvolumens zu berechnen. Das sorgte dafür, dass Hapag-Lloyd im Rekordjahr 2022 effektiv nur 1 Prozent Steuern zahlte und damit 4,4 Milliarden Euro Steuern sparte. 2024 belief sich die Ersparnis immerhin noch auf rund eine halbe Milliarde Euro bei einem Steuersatz von rund 9 Prozent.
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