zum Inhalt
Das Wirtschaftsmagazin

Wie Tech-Startups die Rüstungsbranche umkrempeln

Zwei Milliarden Euro für Kamikaze-Drohnen: Der Bundestag hat grünes Licht gegeben – und zwei deutsche Startups räumen ab. Was hat KI damit zu tun?

6 Minuten Lesedauer

Ein Pilot steuert eine unbemannte Helsing-Kampfdrohne.
Ein Pilot steuert eine unbemannte Helsing-Kampfdrohne (Symbolbild). Credit: IMAGO/Sven Simon

Am vergangenen Mittwoch hat der Haushaltsausschuss des Bundestages grünes Licht für die Beschaffung sogenannter Kamikaze-Drohnen für die Bundeswehr gegeben. Die deutschen Startups Helsing und Stark Defense sollen in den kommenden Jahren Aufträge im Wert von bis zu zwei Milliarden Euro erhalten. Ein Paradigmenwechsel in der deutschen Rüstungsbeschaffung, der Fragen aufwirft: Wer sind diese Unternehmen, und welche Rolle spielt die Disruption durch Künstliche Intelligenz im Kriegsgeschehen? Die Informationsstelle Militarisierung (IMI) in Tübingen monitort schon seit den 1990er Jahren Aufrüstung in Deutschland – und beobachtet den Aufstieg der »Defence Startups« kritisch. Wir sprachen mit Franz Enders, der im vergangenen Jahr die Studie »Neue Waffen, neues Geld? – ›Defence-Startups‹ in der BRD« verfasst hat. Er ordnet die Entwicklung ein, beleuchtet die Ideologie der Startups und ihre engen Verbindungen zum politischen Betrieb.

Bartholomäus Laffert: Herr Enders, der Bundestag hat die Beschaffung von Kamikaze-Drohnen gebilligt. Was genau wird da gekauft, und warum ausgerechnet von diesen beiden Firmen?

Was hier gekauft wird, ist sogenannte Loitering Ammunition – also Kamikaze-Drohnen, die in ein Ziel fliegen und dort explodieren. Für die Bundeswehr ist das eine völlig neue Art der Beschaffung. Die Entscheidung für Helsing und Stark Defense liegt daran, dass sie innerhalb Deutschlands die maßgeblichen Unternehmen sind, die solche Produkte herstellen. Helsing ist dabei der klare Marktführer und hat bereits eine Bewertung von über zwölf Milliarden US-Dollar erreicht. Während andere etablierte Rüstungskonzerne wie Rheinmetall hier erst am Anfang stehen, haben sich Helsing und Stark Defense von vornherein auf diese Art von Drohnen fokussiert.

Franz Enders: Verteidigungsminister Boris Pistorius hatte ursprünglich doppelt so viel Geld gefordert, doch der Haushaltsausschuss hat die Summe auf zwei Milliarden Euro gedeckelt. Was steckt hinter dieser Kürzung?

Die Deckelung auf zwei statt der ursprünglich angepeilten 4,3 Milliarden Euro ist bemerkenswert. Allerdings ist gerade für Stark Defense, dessen Bewertung noch unter einer Milliarde liegt, selbst dieser Auftrag rekordverdächtig. Ich glaube, hier spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Zum einen gibt es eine allgemeine Sorge vor einer »KI-Blase«, die platzen könnte. Diese Drohnen basieren maßgeblich auf softwaregesteuerter Künstlicher Intelligenz. Zum anderen haben sich gerade Helsing in der Vergangenheit sehr hochgestochen präsentiert und ihre Fähigkeiten überbewertet. Die jüngsten Tests und Einsätze in der Ukraine zeigten jedoch erhebliche Probleme, auch wenn Helsing noch am besten abschnitt. Das Produkt scheint in vielerlei Hinsicht noch nicht ausgereift zu sein, und ich gehe davon aus, dass diese Einschätzung den Haushaltsausschuss zur Vorsicht bewogen hat.

Helsing und Stark Defense werden als »Unicorns« bezeichnet, obwohl es sie noch nicht lange gibt. Wie haben sie es geschafft, so schnell so groß zu werden?

Der Gründer von Helsing, Gundbert Scherf, war schon lange sehr eng mit dem Verteidigungsministerium und seinen Beratungsstrukturen verbunden, etwa als Berater unter Ursula von der Leyen. Er war auch in die Berateraffäre verwickelt, da er parallel bei McKinsey arbeitete. Er wechselte dann nahtlos in die Gründung seines Unternehmens und konnte sein Wissen und seine Kontakte nutzen, um das Potenzial dieses Sektors früh zu erkennen. Helsing wurde vor dem Krieg in der Ukraine gegründet, zunächst als Softwareunternehmen für Militärtechnologie, bekam früh Aufträge zur digitalen Ausstattung von Eurofightern – was ohne diese Kontakte kaum erklärbar wäre. Mit dem Ukraine-Krieg spezialisierten sie sich auf Kamikazedrohnen, expandieren aber nun auch in andere Bereiche wie Unterwasserdrohnen und Großdrohnen.

Und Stark Defense?

Das wiederum ist ein Ableger von Quantum Systems, die seit 2015 Aufklärungsdrohnen herstellen. Die Gründung von Stark Defense war eine taktische Entscheidung des Gründers Florian Seibel, da viele Investoren nicht in reine Rüstungsunternehmen investieren wollten. Während Aufklärungsdrohnen auch zivil genutzt werden könnten, ist die Nutzung von Kamikaze-Drohnen eindeutig militärisch. Stark Defense profitierte von den Kontakten, die Quantum Systems über Jahre zu Militärs und Behörden aufgebaut hat, und die Software beider Unternehmen arbeitet eng zusammen in einem gemeinsamen Netzwerk.

Jetzt mit kostenloser Probewoche weiterlesen:

Zur Probewoche

Gibt’s schon einen Account? Login

Bartholomäus Laffert

Bartholomäus Laffert ist freier Print- und Radiojournalist, lebt in Belgrad und Wien und arbeitet zu Migration, Ungleichheit und sozialen Bewegungen. 2019 gründete er mit freien Kolleginnen und Kollegen das »Selbstlaut Kollektiv«.

Franz Enders

Franz Enders studiert in Bielefeld Soziologie und recherchiert für die Informationsstelle Militarisierung zu digitaler Aufrüstung, Defence-Startups und der Nutzung von Künstlicher Intelligenz für militärische Zwecke.

#7 – Machtkampf um KI

Tech-Oligarchen kämpfen um die Vormacht über Künstliche Intelligenz. Den Preis zahlen wir alle.

Zum Magazin