zum Inhalt
Das Wirtschaftsmagazin

Ein internationales Gremium sollte Ungleichheit bekämpfen

Gegen globale Ungleichheit hilft nur Zusammenarbeit. Europa sollte ein internationales Gremium für Ungleichheit unterstützen.

4 Minuten Lesedauer

Die Ungleichheit hat ein extremes Ausmaß angenommen. Credit: IMAGO/Emmanuele Contini

Weltweit werden mehr als 70 Billionen Dollar an Vermögen vererbt – ein Großteil davon weitgehend unversteuert. Zu diesem Ergebnis kam ein Bericht des G20-Ausschusses unabhängiger Expertinnen für globale Ungleichheit. Die Zahlen sind dramatisch und erfordern einen klaren Kurswechsel im europäischen Politikbetrieb.

Dieser diskutierte Ungleichheit jahrelang, wenn überhaupt, als sei sie in erster Linie ein Problem der Entwicklungsländer. Dieses Framing wird dem Ausmaß des Problems aber bei Weitem nicht gerecht. Ungleichheit, insbesondere Vermögensungleichheit, ist auch in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften zu einem strukturellen Merkmal geworden. Im Euroraum verfügen die obersten 10 Prozent der Haushalte über 57,4 Prozent des Nettovermögens, während die unteren 50 Prozent nur etwa 5 Prozent besitzen. Dies beeinträchtigt Wohlergehen, demokratische Legitimität, Nachhaltigkeit und Wachstum in ganz Europa.

Das europäische Sozialmodell gehört nach wie vor zu den umfassendsten sozialen Schutzsystemen der Welt. Dennoch wird es zunehmend unter Druck gesetzt. Familien haben mit steigenden Lebensmittel- und Energiekosten zu kämpfen. Wohnraum wird für jüngere Generationen zunehmend unerschwinglich. Auch bestehen regionale Ungleichheiten zwischen dynamischen Ballungszentren und vernachlässigten Regionen weiterhin fort. Zusammengenommen verändern all diese Verschiebungen, welche Erwartungen und Chancen Menschen haben können und ob und wie sehr sie den demokratischen Institutionen noch vertrauen.

Vermögensungleichheit schadet der Demokratie

Wenn ein wachsender Anteil des nationalen Vermögens in den Händen einer kleinen Gruppe konzentriert ist, geht das Problem weit über Einkommensunterschiede hinaus. Denn Vermögen ist anders als Einkommen generationenübergreifend: Es wird im Laufe der Zeit angehäuft, vererbt und vermehrt. In ganz Europa zeigt sich diese Dynamik auf den Wohnungsmärkten, bei Finanzanlagen und beim Unternehmensbesitz, wo Familienvermögen zunehmend die individuellen Lebenschancen beeinflusst. Eine hohe Vermögenskonzentration kann zu unverhältnismäßigem Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung und die politische Entscheidungsfindung führen – von der Steuer- und Wettbewerbspolitik bis hin zur Wohnungs- und Industriestrategie. Zudem untergräbt der Eindruck, dass Vermögende gegenüber Arbeitenden begünstigt werden, das Vertrauen in demokratische Systeme, selbst ohne eine direkte Einflussnahme.

Weiterhin verschärfen technologische Entwicklungen das Problem zusätzlich. Fortschritte in den Bereichen künstliche Intelligenz und Digitalisierung versprechen Produktivitätssteigerungen und Innovationen. Doch ohne bewusste politische Entscheidungen werden vermutlich vor allem Kapitaleigner*innen und hochqualifizierte Expert*innen davon profitieren. Das Risiko liegt dabei nicht in der Technologie selbst, sondern in einer ungleichen Verbreitung und konzentrierten Gewinnen. Bereits bestehende Unterschiede zwischen Regionen, Unternehmen und sozialen Gruppen werden durch diese Dynamik vergrößert.

Jetzt mit kostenloser Probewoche weiterlesen:

Zur Probewoche

Gibt’s schon einen Account? Login

Adriana Abdenur

Adriana Abdenur ist Mitglied des Sonderausschusses unabhängiger Experten der G20 für globale Ungleichheit.

#7 – Machtkampf um KI

Tech-Oligarchen kämpfen um die Vormacht über Künstliche Intelligenz. Den Preis zahlen wir alle.

Zum Magazin