Brandenburg gilt als Vorreiter der Energiewende. Kaum ein anderes deutsches Bundesland produziert so viel erneuerbaren Strom, kaum irgendwo prägen Windräder die Landschaft so sehr wie in der Uckermark: In der kleinen Gemeinde Uckerland ist die Windernte besonders ertragreich. Neun Prozent der Gemeindefläche sind Windeignungsgebiete, also Vorranggebiete, wie sie heute heißen. 104 Windkraftanlagen erzeugen Strom im Umfang von 246 Megawatt, genug, um über 100.000 Haushalte zu versorgen. Uckerland selbst hat nur knapp 2000 Einwohner.
All das könnte als Erfolgsgeschichte der grünen Transformation gelten, doch vor Ort gibt es zahlreiche Konflikte. Schon vor einigen Jahren stellte eine Enquetekommission des Landtags fest, dass viele Gemeinden vom Ausbau der Windkraft wirtschaftlich kaum profitieren. Zwar gibt es Ausnahmen, doch meist wandert die Wertschöpfung mit dem Windkraftausbau ab. Das schafft Frust.
Großer lokaler Widerstand
»Es ist wichtig, dass Kommunen wie Uckerland an der Wertschöpfung durch die Windenergie beteiligt werden«, betonte der Bürgermeister der Gemeinde, Matthias Schilling, erst kürzlich im Brandenburger Landtag. Dass die fehlende Beteiligung an der Wertschöpfung die Akzeptanz der Windkraft sinken lässt, ist auch wissenschaftlich gut belegt. Dort, wo Gemeinden finanziell profitieren, steigt hingegen die Zustimmung. Das Land Brandenburg hat daher mittlerweile weitgehende Beteiligungsmodelle geschaffen. Doch die Stimmung in der Bevölkerung bleibt vielerorts schlecht. Immer wieder gibt es Streit um den Bau neuer Windräder. Besonders deutlich wird das aktuell im Landkreis Dahme-Spreewald. Dort soll einer der größten Windparks Deutschlands mit 55 Anlagen entstehen, mitten im Naturpark Dahme-Heideseen. Bei einer Einwohnerbefragung lehnten über 90 Prozent der Teilnehmenden das Projekt ab.
Warum halten sich die Widerstände gegen die Windkraft so hartnäckig? Die Antwort reicht tiefer als die Frage nach den finanziellen Ansprüchen. Es wird von vielen Brandenburgerinnen und Brandenburgern als ungerecht empfunden, dass sie aufgrund der besonderen Wirkung von Windrädern auf das örtliche Erscheinungsbild einen besonderen Beitrag zur Energiewende leisten, während andere in der Republik von günstigem Grünstrom profitieren. Das gilt es anzuerkennen.
Die Energiewende erfordert nicht nur technologische, sondern auch sozialwissenschaftliche Lösungen, die sich in Überlegungen einer Energiegerechtigkeit widerspiegeln. Energiegerechtigkeit braucht jedoch mehr als rein finanzielle Teilhabe, sondern auch eine demokratische Gestaltung. Dazu muss man die Perspektive der Betroffenen ernst nehmen. Unsere Gesellschaft bleibt nur dann zukunftsgewandt, wenn sie die Sorgen jener berücksichtigt, die die Kosten der Transformation tragen. Ihre adäquate Beteiligung darf nicht als großzügiges Geschenk missverstanden werden, sondern ist ein grundlegendes Recht. Wer täglich mit den Veränderungen vor der eigenen Haustür lebt, hat einen inhärenten Anspruch auf Mitsprache. Denn aus einer sozial-ökologischen Perspektive ergibt sich das Gemeinwohl nur prozesshaft in der Deliberation, also dem Aushandeln darüber, wie der grüne Umbau gestaltet werden soll. Transformative Maßnahmen stehen stets unter einem ethischen Legitimationsvorbehalt, wenn die Menschen sehen, was entsteht, aber nicht, was ihnen nützt.
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