Die Geschichte der Finanzen beginnt nicht erst bei Marx oder Smith, sondern viel früher. Die Entstehung, der Verlauf und die Auswirkungen der ersten globalen Spekulationsblase sind gut dokumentiert. Diese blühte vor rund 400 Jahren zum ersten Mal in den durch Kolonialismus reichlich genährten Niederlanden auf. Damals erlebte das Land sein goldenes Zeitalter, hatte mit Amsterdam die Hauptstadt des europäischen Handels und überragte mit seiner wirtschaftlichen Macht auch das von innenpolitischen Konflikten gezeichnete England. Doch diese florierende Wirtschaft wurde von einer so schweren Krise getroffen, dass sie bis heute untersucht wird. Das Spekulationsobjekt: Tulpenzwiebeln.
Tulpen werden zum Statussymbol
Dunkelviolett und gelb-rot kommen sie aus der Erde, orange oder weiß, rosa und dunkelblau meliert. Nur wenige Blumengattungen haben eine solche Farbenpracht wie die der Tulpen, und eben diese Vielfalt machte sie im 17. Jahrhundert zu einem begehrten Luxus- und Spekulationsobjekt. Ursprünglich fanden die Pflanzen schon im 16. Jahrhundert ihren Weg aus Persien in das Osmanische Reich und von dort aus nach Europa, fristeten aber in den Hofgärten der Adligen und reichsten Kaufleute ein abgeschottetes, exklusives Dasein. Dazu ist die Zucht der farbenfrohen Pflanzen sehr zeitaufwendig, nimmt mehrere Jahre in Anspruch und ist anfällig für Krankheiten. Und bevor die Tulpenzwiebel gepflanzt und gewässert wird, kann niemand mit Sicherheit sagen, wie sie letztendlich aussehen wird. An dieser Stelle gaben sich Spekulation und Glücksspiel die Hand, und spätestens ab 1630 erfasste der Tulpenwahn die niederländische Gesellschaft.
Tulpen wurden versteigert, verkauft und weiterverkauft, bevor sie überhaupt unter der Erde sind. Zwar waren die Pflanzen kein rein adliges Gut mehr, sie blieben aber ein Statussymbol, das sich in der Gesellschaftsordnung auch nach unten ausbreitete. Spekulanten trieben die Preise konstant nach oben, es etablierten sich Zwischenhändler und Verkaufsriten wie etwa die Versteigerung in Wirtshäusern. Eine einheitliche Preisgestaltung oder -kontrolle gab es dabei nicht, sodass dieselbe Sorte zu unterschiedlichen Preisen im Land gehandelt wurde.
Besonders legendär wurde in diesen Zeiten die »Semper Augustus«, eine rot-weiß geflammte Tulpe, von der angeblich nur ein Dutzend existierte. 1637, auf dem Höhepunkt des Tulpenwahns, wurde sie für 10.000 Gulden gehandelt. Zum Vergleich: Gut situierte, hochgestellte Beamte erhielten einen jährlichen Lohn von rund 1.000 Gulden. Zwar war ein solches Extrem die Ausnahme, dennoch wurden die meisten Tulpen in lukrativen zwei- bis dreistelligen Beträgen gehandelt.
Jede Blase muss platzen
Das obligatorische Platzen der Blase wird nach ihrem dreijährigen, raschen Anstieg auf den Februar 1637 datiert, als bei einer Versteigerung im westlichen Haarlem, einem der zentralen Handelsorte, niemand die erwarteten Preise bieten konnte. Daraufhin fiel binnen weniger Tage der Wert der einst so begehrten Tulpen um 95 Prozent und das Land stand nicht nur einer wirtschaftlichen Krise, sondern auch gesellschaftlichen Unruhen gegenüber. Verwaltungen und Justiz versuchten, das hereinbrechende Chaos mit Abmachungen unter Kontrolle zu bringen, indem sie unterschriebene Verträge des Tulpenkaufs annullierten. Doch auch hier fehlte die Einheitlichkeit, da sich manche Händler daran hielten, während andere es ignorierten.
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