Finanzielle Bildung erreicht Menschen früher im Leben, als man denkt. Erstmalig in Kontakt mit Finanzen kommen viele Kinder bis heute über den eigenen Kaufmannsladen. Parallel zu ihren ersten Gehversuchen lernen sie spielend, Artefakte wie Kaffee, Milch oder Obst gegen (Spiel-)Geld zu veräußern. Dabei entwickeln sie ein Zahlenverständnis, indem sie Preise lesen, Wechselgeld zählen und Kassen füllen. Diese – eher beiläufige – Begegnung mit Geld setzt sich im weiteren Leben fort, wenn die Eltern Taschengeld zahlen oder finanzielle Möglichkeiten im Abgleich mit Mitschülerinnen und -schülern zum Thema werden. Und spätestens, wenn die Miete für die erste eigene Wohnung aufzubringen ist, Bus- und Bahnfahrten vom eigenen Geld zu bezahlen sind oder der Abschluss einer Haftpflichtversicherung ansteht, beschreiten junge Menschen den bewusstseinsbildenden Pfad finanzieller Bildung. Kurzum: In unserer monetarisierten Gesellschaft durchzieht der Umgang mit Geld unser Leben schon jetzt sehr weitreichend.
Rufe nach mehr finanzieller Bildung verhallen nicht
Dennoch verhallen die Rufe nach mehr institutionalisierter finanzieller Bildung nicht. So fordert eine wachsende Zahl von privaten Geschäftsbanken, arbeitgebernahen Stiftungen und »Finfluencern« mehr finanzielle Bildung – insbesondere an weiterführenden Schulen. Nach einer Ende Januar vom Bundesverband deutscher Banken veröffentlichten Studie sprechen sich 78 Prozent der befragten Lehrerinnen und Lehrer für ein Schulfach »Wirtschaft und Finanzen« in allen Bundesländern aus. Für besonders unterrichtsrelevant halten Lehrkräfte, die Wirtschafts- und Finanzthemen unterrichten, den »Umgang mit Geld«, die »Grundlagen der Altersvorsorge« und »Kenntnisse über Geldanlagen«. Dass die Studienergebnisse aus Sicht des Bankenverbandes für eine strukturelle Stärkung der Finanz- und Wirtschaftsbildung für Schülerinnen und Schüler sprechen, liegt nahe. Der Rückschluss der methodisch dürftigen Studie, wonach »eine gute Zusammenarbeit von staatlichen und privatwirtschaftlichen Akteuren« ebenso erforderlich sei wie ein eigenständiges Schulfach, um »Finanz- und Wirtschaftsbildung [als] eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe« an Schulen zu implementieren, riecht jedenfalls nach Lobbyismus.
Die im öffentlichen Diskurs zu vernehmenden Forderungen zielen – wie die Verlautbarungen des Bankenverbandes bestätigen – meist ausschließlich auf Faktenwissen über Geldanlagen, während wirtschafts-, steuer- und sozialpolitische Zusammenhänge ebenso ausgeblendet werden wie die sozialen Lebenslagen der Lernenden, die – da ist die empirische Evidenz erdrückend – für Lernprozesse jeder Art nicht nur prägend, sondern unabdingbar sind. Dazu braucht es aber einen situations- und lebensweltorientierten Ansatz. Aspekte der privaten Altersvorsorge und des langfristigen Vermögensaufbaus sind dabei für Lernende bis zum Erreichen der 10. Jahrgangsstufe eher weniger passend.
Geld in einer monetarisierten Gesellschaft
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