Die Idee, Grönland zu annektieren, mag wie ein Rückfall in den Imperialismus des 19. Jahrhunderts klingen. Aber die heutige Situation ist in mancher Hinsicht beispiellos – sowohl wegen der tiefen wirtschaftlichen Verflechtung zwischen Europa und den Vereinigten Staaten als auch wegen der speziellen Eigenart des heutigen Bewohners des Weißen Hauses.
Es gibt keine vorgefertigte Antwort auf die heiklen Herausforderungen, die der Expansionismus Trumps mit sich bringt. Der erste Schritt muss daher Bescheidenheit sein. Der zweite Schritt ist die Klarheit darüber, was wirklich hinter diesem Vorstoß in Grönland steckt.
Die amerikanische Öffentlichkeit hat kein Interesse daran, Grönland zu annektieren. Die Idee begeistert fast niemanden – nicht einmal innerhalb der republikanischen Reihen. Im Gegensatz zur Kampagne gegen Nicolás Maduro in Venezuela passt Grönland nicht in einen ideologischen Kreuzzug, der die amerikanische Rechte mobilisieren könnte. Dänemark ist kein Feindstaat. Es ist ein treuer Verbündeter. Die Erklärung liegt also woanders.
Expansion folgt auf innere Ungleichheit
Wie Casey Michel in The New Republic gezeigt hat, sind die wirklichen Kräfte, die hier am Werk sind, wirtschaftlicher Natur. Amerikanische Rohstoffunternehmen begehren Grönlands Bodenschätze. Trump nahestehende Tech- und Wall-Street-Milliardäre haben dort bereits investiert. Und Teile der libertären Rechten träumen davon, Grönland in einen deregulierten Spielplatz für Kapital zu verwandeln.
Dieses Muster ist nicht ganz neu. Die Vereinigten Staaten haben es schon einmal erlebt. Während des Gilded Age (1870–1913) fiel eine extreme Konzentration des Reichtums im Inland mit einer Expansion im Ausland zusammen. Diese von Trump so oft romantisierte Ära war auch das Zeitalter des US-Kolonialismus, geprägt von der Annexion Hawaiis, Puerto Ricos, Guams und der Philippinen.
Insbesondere Hawaii bietet einen aufschlussreichen Präzedenzfall. Seine Annexion wurde von amerikanischen Zuckerbaronen inszeniert, die ihre kommerziellen Interessen mit Begriffen der Geostrategie und nationalen Sicherheit verschleierten. Es ist nicht notwendig, Imperialismus allein auf die Wirtschaft zu reduzieren. Aber die Geschichte zeigt, dass, wenn Ungleichheit, Profitgier und Rohstoffausbeutung gefeiert werden, bald eine Expansion über die nationalen Grenzen hinaus folgt.
Der Unterschied zwischen dem Gilded Age und der Ära Trump liegt nicht in der Art, sondern im Ausmaß. Im Jahr 1910 besaßen die reichsten 0,00001 Prozent der Amerikaner ein Vermögen, das 4 Prozent des US-Nationaleinkommens entsprach. Heute ist dieser Anteil auf 12 Prozent gestiegen. Der Reichtum und die Macht der Oligarchen übersteigen bei weitem ihren Höhepunkt im Gilded Age.

Der Antiimperialismus muss US-Milliardäre ins Visier nehmen
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