Auf der Autobahn 1 im westlichen Niedersachsen: Bei der Fahrt über das flache Land kündigt sich an den Nasenflügeln an, was man wenig später sehen wird. Der schwelende Duft von Gülle kriecht durch die Lüftungsgitter des Autos, und schnell fallen einem die vielen Schweinetransporter auf dem rechten Fahrstreifen ins Auge. Auf der Gegenfahrbahn kommen Lastzüge entgegen, deren Kühlauflieger mit den Logos der Tötungsindustrie bedruckt sind, daneben grinsende Schweine oder reichhaltig belegte Grillteller.
Hier bilden die beiden Landkreise Cloppenburg und Vechta das Oldenburger Münsterland, eine ländlich geprägte Gegend, stark katholisch, mit hoher Geburtenrate wie auch hoher Mercedes-Zulassungsquote. Der Slogan der Region: »Viel Grün. Viel drauf.« Das stimmt, denn auf Cloppenburger und Vechtaer Boden steht so einiges: viele Putenställe, viele Schweineställe und viele Schlachthöfe.
Wenn es um Fleischkonsum und Massentierhaltung geht, sprechen viele reflexhaft über Tierwohl und Klima, selten aber über diejenigen, die die Tiere töten, zerlegen und verarbeiten. Menschen aus Rumänien, Polen oder Ungarn. Dabei sind diese migrantischen Menschen etwa so unsichtbar wie die Arbeit, die sie ausüben. Was hinter diesen hohen Toren und fensterlosen weißen Schlachthofwänden passiert, interessiert die Öffentlichkeit heute nicht mehr so sehr wie noch vor fünf Jahren, als hohe Corona-Infektionszahlen unter Arbeitenden in den Betrieben und Unterkünften bekannt wurden. Während der Pandemie wurden die Arbeits- und Lebensbedingungen migrantischer Menschen medial beleuchtet, die Öffentlichkeit schaute erregt auf intransparente Subunternehmensketten, den Druck auf der Arbeit oder die überteuerten und heruntergekommenen Firmenwohnungen. Als Konsequenz wurde das sogenannte Arbeitnehmerschutzgesetz (ASKG) beschlossen, das Subunternehmen und Werkverträge in der Branche verbietet. Seitdem müssen Beschäftigte in Zerlegung und Schlachtung direkt angestellt werden. Die Befürworter hofften auf das Ende ausbeuterischer Arbeitsverhältnisse unter Druck und Angst. Aber wie ist die Situation heute, fünf Jahre nach der Einführung des heilbringenden Arbeitsschutzkontrollgesetzes?
»Es ist die gleiche Scheiße, der gleiche Druck«
»Das ASKG hat die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie deutlich verbessert, die schlimmsten Ausbeutungsformen beseitigt«, sagt Şerife Erol, Referentin am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Erol hat eine Studie dazu veröffentlicht, wie sich das Ende der Subunternehmen und Werkverträge auf die Branche ausgewirkt hat. Zu den Fortschritten zählen die elektronische Arbeitszeiterfassung, sinkende Unfallzahlen und eine Verbesserung der Unterkünfte. Dennoch gibt es nach wie vor keine Branchenlösung wie etwa durch einen Manteltarifvertrag: »Wir haben in den Betrieben Interviews geführt und bis zu vier verschiedene Arbeitsverträge gefunden – für Beschäftigte in derselben Schicht. Die eine Person bekommt einen drei oder vier Euro höheren Stundenlohn als die andere und fünf Tage mehr Urlaub als ein Neuangestellter. Was denken Sie, was in den Betrieben passiert?« Diese Segregation verhindere den kollegialen Zusammenhalt und in der Folge auch die gemeinschaftliche Organisation. Hinzu käme eine hohe Fluktuation in den Betrieben, weil Herkunfts- und Arbeitsgruppen immer wieder neu zusammengesetzt werden.
Durch das ASKG wurden etwa 30.000 Menschen, vornehmlich osteuropäische Arbeiterinnen und Arbeiter, direkt von den Schlachtbetrieben angestellt. Einer von ihnen ist Ciprian, dessen Name in diesem Artikel geändert wurde: »Es ist die gleiche Scheiße, der gleiche Druck, die gleichen Chefs, nur der Name ist ein anderer.« Bevor sich Ciprian auf das große Sofa in seinem Wohnzimmer setzt, stellt er Wasser und Cola auf den Tisch, platziert noch Schüsseln mit Keksen und Chips dazu und bietet Kaffee an, den man ihm nicht ausschlagen möchte. Während er mittlerweile in einer privaten Mietwohnung lebt, sind viele Arbeitende auf Wohnungen durch den Arbeitgeber angewiesen. Damals habe er auch in einer solchen Unterkunft gelebt: »Ein Knast ist piccobello sauber im Vergleich zu dem, was da hinten war. Früher waren hinter den Tapeten dicke Löcher mit Kakerlaken drin.« Zwar hätte sich die Situation in den Unterkünften im Allgemeinen deutlich verbessert, weiterhin werden aber Elektroheizungen einkassiert, die sich die Angestellten privat anschaffen, um die Wohnung trotz kaputter Heizkörper zu wärmen.
Doppelte Unsichtbarkeit
Zu Besuch in einem Schweineschlachthof im Landkreis Cloppenburg: Wieder weiten sich die Nasenflügel, das Desinfektionsmittel ist aufdringlich, es kann die Präsenz von Schwein und Blut aber nicht überdecken.
»Einerseits möchte man das Töten nicht gerne sehen. Die Schlachthöfe sind historisch aus den Städten verschwunden und aufs Dorf, in die Kleinstadt und an die Autobahn verlagert worden«, erklärt Peter Birke, der am Sozialwissenschaftlichen Institut in Göttingen zu Migration und Arbeit forscht. »Und dann gibt es aber diese doppelte Unsichtbarkeit der Arbeit in diesem Bereich, da wirkt die Migrantisierung dieser Beschäftigten verstärkend.« Menschen würden darüber hinaus ganz konkret verschwinden, aus den Augen der Mehrheitsgesellschaft und auch aus dem Sozialversicherungssystem. Birke berichtet von einem Arbeiter, der nach dem Betriebsunfall zurück nach Rumänien gezogen ist und für den es extrem schwierig sei, Ausgleichszahlungen vom ehemaligen Arbeitgeber einzufordern. Leute würden »verbraucht« und verschwinden dann. »Es ist oft so, dass die Leute kalkulieren: Wie lange kann ich noch machen, ohne mich dabei umzubringen unter diesen Arbeitsbedingungen oder meine Arbeitskraft zu zerstören? Das klappt manchmal, manchmal nicht«, sagt Birke. Auch angesichts dessen, dass es faktisch wenig betriebliche Aufstiegsmöglichkeiten gebe, denn die Stellen der Vorarbeiter oder Integrationshelfer seien begrenzt.
Zurück zum Schlachthof: Zu Beginn der Zerlegungskette steht ein Mann, dessen Job es ist, den bereits betäubten und kopfüber hängenden Schweinen mit dem Messer in die Kehle zu stempeln: ein schneller maschineller Stich, eine kurze Drehung. Während die Stahlspitze aus der Arterie gleitet, platzt klumpiges, dunkles Blut aus der Arterie und klatscht auf das Metallbecken, als ziehe man einem Weinschlauch den Korken. 7000 Mal passiert das hier täglich.
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