Das Forbes Magazin hat Johannes von Baumbach 2025 zum jüngsten Milliardär der Welt gekürt. Kurz nach seinem 18. Geburtstag hat er Teile des mehr als 200 Jahre alten Vermögens seiner Familie geerbt. Er und seine Familie tauchen nicht einmal in der Reichenliste des Manager Magazins auf, weil sie sich juristisch erfolgreich gewehrt haben. Mit dem vom Forbes Magazin auf 75 Milliarden Euro geschätzten Vermögen würden sie dort Platz 1 belegen.
Boehringer Ingelheim, das Unternehmen, aus dem sich ihr Vermögen speist, erwirtschaftet seit Jahrzehnten zuverlässig Milliardengewinne. Es ist gleichzeitig ein riesiges Sparbuch, auf dem sich etwa 17 Milliarden Euro sicher angelegte flüssige Mittel angesammelt haben, und ein Goldesel, der in den letzten zwanzig Jahren etwa 18 Milliarden Euro an die Eigentümer ausgeschüttet hat. Die Spur dieses Geldes verliert sich irgendwo zwischen Frankfurt, Luxemburg und den Cayman Islands im internationalen Finanzmarkt. Welcher Teil davon der Forschung an Medikamenten gegen Diabetes bei Menschen und Katzen dient, und welcher vor allem den Vermögenszuwachs der Familiendynastie fördert, bleibt dadurch offen.
Das Vermögen: Since 1817
Wenige Tage nach seinem 18. Geburtstag erhielt Baumbach, wie auch seine Geschwister vor ihm, von seinem Onkel einen Anteil an der C.H. Boehringer Sohn AG & Co. KG, der Muttergesellschaft von Boehringer Ingelheim. Damit ist er einer der 15 Kommanditisten, die laut Handelsregister jeweils mit 10.000 Euro Einlage beteiligt sind. Viel mehr ist über ihn öffentlich nicht bekannt. Johannes von Baumbachs Erbe geht auf seinen Urururgroßvater, Christian Friedrich Boehringer (geb. 1791 in Kirchheim unter Teck), zurück.
Er gründete 1817 in Stuttgart das Unternehmen »Drogen- und Materialwarenhandlung Engelmann & Boehringer«. Sein Sohn Christoph Heinrich und später sein Enkel Ernst Boehringer führten das Unternehmen weiter und verlagerten den Sitz nach Mannheim. Beim Tod von Ernst Boehringer im Jahr 1892 verlor die Familie das Unternehmen jedoch an Friedrich Engelhorn, der sich zwischenzeitlich eingeheiratet und eingekauft hatte. Das Unternehmen hieß zur besseren Unterscheidung später Boehringer Mannheim.
Wie ihr Urururgroßvater Friedrich Engelhorn es schaffte, diese Unternehmen ohne eigene chemische Expertise und mit vielen guten Beziehungen zu übernehmen, erklärt Marlene Engelhorn detailliert im sehr empfehlenswerten Podcast »Hinter den Millionen, Folge 1«.
Boehringer Ingelheim entstand 1885 aus einer Weinsteinfabrik, die Ernst Boehringer für seinen jüngeren Bruder Albert kaufte. Angefangen mit der Erfindung von Backpulver auf Milchsäurebasis und mit finanzieller Hilfe seiner Familie, machte dieser bis zu seinem Tod im Jahr 1939 daraus einen Chemie- und Pharmakonzern mit 1.200 Mitarbeitern. Nach ihm übernahmen seine Söhne, wiederum Albert und Ernst, die Konzernleitung und gaben sie an ihren Sohn Wilhelm weiter. Erst nach dessen Tod übernahm 1983 Erich von Baumbach, Schwiegersohn von Albert Jr., die Konzernleitung und später auch den Gesellschafterausschuss, bevor der 2007 wieder zur Familie Boehringer, an Christian Boehringer, den Urururenkel von Christian Friedrich Boehringer, zurückwanderte.
Bis heute ist das Unternehmen auf etwa 54.500 Mitarbeiter angewachsen und etwa 50 bis 70 Milliarden Euro wert. Aus dem geerbten Unternehmen hat die Familie in den letzten zwanzig Jahren außerdem etwa 18 Milliarden Euro Dividende erhalten. Ein großer Teil davon floss ans Family Office und von dort weiter an den Finanzmarkt. Wie hoch das auch in den Jahrzehnten davor schon ausgeschüttete und reinvestierte Vermögen heute ist, lässt sich nicht seriös schätzen.
Nazi-Vergangenheit
Die Nazi-Vergangenheit der Familie wurde 2015 detailliert aufgearbeitet. Teile der Familie und das Unternehmen selbst beteiligten sich demnach aktiv und mit Begeisterung an beiden Weltkriegen und unterstützten nationalistische Bestrebungen wie den Soldatenbund Stahlhelm. Im Zweiten Weltkrieg leitete Ernst Boehringer als Hauptmann eine Artilleriebatterie, deren Fahrzeuge sogar das Firmenlogo trugen. Das Unternehmen setzte Zwangsarbeiter ein und kooperierte mit NS-Behörden, einschließlich tödlicher Gewalt und Deportationen. Zum NS-Musterbetrieb reichte es aber – anders als bei anderen Pharmaunternehmen oder bei Kühne und Nagel – nicht, und den Judenhass der Nazis schien die Familie nicht zu teilen.
Nach dem Krieg wurden mehrere Familienmitglieder zunächst zu 2 Millionen Reichsmark Strafen verurteilt und sollten sogar enteignet werden. Die französischen Behörden und später die deutschen Gerichte senkten die Strafe letztlich auf 3.000 DM. Im Vergleich dazu hatte das Unternehmen – trotz einer Besteuerung von bis zu 71 Prozent – in den Kriegsjahren zwischen 1941 und 1945 zusätzliche Gewinnrücklagen von fast 9 Millionen Reichsmark aufgebaut und verbuchte sogar 1945 noch einen kleinen Gewinn. Mitarbeiterzahl und Umsätze waren mit kurzen Unterbrechungen in der Wirtschaftskrise 1932 und zum Kriegsende 1945 kontinuierlich gewachsen. Als stark exportabhängiges und innovatives Unternehmen wären Wachstum und Gewinne ohne Krieg aber wahrscheinlich höher gewesen. Nach dem Krieg förderte Ernst Boehringer die deutsch-französische und die internationale Verständigung.
Die Transparenz: Keine Privatsache
Die Familien Boehringer und von Baumbach meiden die Öffentlichkeit weitgehend. Mit welchen Argumenten sie gegen ihre Aufnahme in die Reichenliste des Manager Magazins vorgegangen sind, ist nicht öffentlich dokumentiert. Aber wenn Journalisten nicht einmal über die Existenz des möglicherweise größten Vermögens berichten dürfen, wer soll dann überprüfen, ob sein Gebrauch dem Wohle der Allgemeinheit dient? Können Milliardenvermögen wirklich Privatsache bleiben? Das ZDF und das Forbes Magazin sahen das offensichtlich anders und haben das Vermögen der Familie zurück in die Öffentlichkeit gebracht. In öffentlichen Registern waren auch davor schon spannende Informationen einsehbar. Aber auch dort stößt man bei den beiden Familien an mehrere Grenzen.
