Sie »smashen« ihre Wangen- und Kieferknochen mit Hämmern, mikrodosieren Crystal Meth, um das niedrige Gewicht zu halten, spritzen sich selbst ohne ärztliche Aufsicht Hyaluron in die Lippen – alles im Namen des »Looksmaxxing«. Die Looksmaxxer-Community, erwachsen aus Incel-Foren, teilt untereinander pseudowissenschaftliche Theorien über die Attraktivität von Männern, vor allem aber eine misogyne Ideologie. Ihr oberster Prophet: Clavicular. Der 2005 geborene US-amerikanische Influencer und Streamer mit dem bürgerlichen Namen Braden Eric Peters bietet unter anderem szenetypisch Online-Coachings an. Auf TikTok folgen ihm fast eine Million Menschen, seine Videos, in denen er mit angespanntem Kiefer und Oberkörper posiert und sich wahlweise mit jungen Models ablichtet, erreichen zuverlässig mehrere Millionen User. Ansonsten singt er aber auch mal in einer Stretch-Limousine auf dem Weg in den Club in Miami gemeinsam mit den rechten »Manosphere«-Influencern Nick Fuentes, Sneako, Tristan und Andrew Tate, Myron Gaines und Justin Waller Kanye Wests antisemitischen Song »Heil Hitler«.

Die sehr jungen, meist unter 25-jährigen Looksmaxxer reden sich gegenseitig in absurde Körperstandards hinein. Sie alle eint die Universaltheorie, dass sich alles im Leben darum drehen müsse, die eigene Attraktivität zu maximieren, zu »maxxen«. Man möchte ihnen zurufen: Geh raus in die Welt! Sprich mit echten Menschen! Niemand interessiert sich für die Breite deines Kiefers! Und hoffen, dass das ihre kruden Vorstellungen über das Leben, Dating und Gesellschaft zum Einstürzen bringen möge. Doch die Absurdität des Looksmaxxings ist bei Weitem nicht das Schlimmste an dieser Bewegung. Sie überschneidet sich mit der frauenfeindlichen und rechten »Manosphere« und geht über ein Symptom krisenhafter Männlichkeit hinaus: Looksmaxxing steht im Zeichen des endenden Neoliberalismus und des globalen Aufstiegs des Faschismus.
Wieso looksmaxxen?
Clavicular und seine Jünger begründen ihren Lebensstil und ihre Methoden damit, dass das Glück, das einem im Leben widerfährt, maßgeblich mit der eigenen Attraktivität zusammenhänge. Sie haben den sogenannten »Halo-Effekt« als oberstes Gesetz auserkoren: dass die Schönheit eines Menschen alle seine anderen Eigenschaften überschatten und als Erfolg in allen Lebensbereichen ausstrahlen würde. Primär geht es den Looksmaxxern aber angeblich ums Dating. Auf die Pseudotheorien der Incels folgend behaupten sie, dass es unter Männern beziehungsweise Frauen Hierarchien des Aussehens gebe, die sich in Zahlen ausdrücken lassen. Auf einer von ihnen frei erfundenen »PSL-Skala« ordnen sich Looksmaxxer von Null bis Acht gegenseitig ein (dass sie sich für Frauen eigentlich gar nicht so sehr interessieren, dazu kommen wir später).
