Redaktioneller Hinweis: Dieses Interview erscheint in der elften Surplus-Ausgabe Mitte Oktober 2026 auch gedruckt.
Lukas Scholle: Ihr neues Buch trägt den Untertitel Die neue Gemeinwohl-Ökonomie. Wie genau soll diese Ihrer Meinung nach aussehen?
Mariana Mazzucato: Zunächst einmal gibt es das Konzept des Gemeinwohls in der Wirtschaftswissenschaft eigentlich gar nicht. Dort gibt es den Begriff des öffentlichen Gutes, das im Wesentlichen eine Korrektur für Marktversagen ist – ähnlich wie Elinor Ostroms Konzept der »Commons«, die eine Korrektur für staatliches Versagen darstellen. Ein echtes Konzept für Gemeinwohl an sich existiert aber nicht.
Eines der ersten Dinge, die ich in dem Buch zu erklären versuche, ist: Wenn wir Gemeinwohl in die Wirtschaftswissenschaften einbeziehen wollen, müssen wir uns von der Vorstellung lösen, dass kollektives oder staatliches Handeln lediglich eine Korrektur von Marktversagen ist. Stattdessen müssen wir es als Ziel an sich betrachten – eines, bei dem es genauso sehr darauf ankommt, wie wir etwas tun, wie darauf, was wir erreichen wollen.
Ich habe mich von Philosophen wie Aristoteles inspirieren lassen, der sich nicht nur auf das Telos – den Zweck oder das Ziel – konzentrierte, sondern auch auf die Polis, die Gemeinschaft. Es geht darum, wie wir miteinander umgehen; um die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit, dem öffentlichen und dem privaten Sektor, den Bürgerinnen und Bürgern. Das Wie ist genauso wichtig wie das Was. Der erste große Unterschied ist also, dass für das Erreichen von Gemeinwohl die Märkte gestaltet werden müssen, nicht nur korrigiert.