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Rojava: Ökonomische Selbstverwaltung unter Beschuss

Rojava wird angegriffen. Das hat nicht nur fatale Folgen für die Bevölkerung, sondern auch für ökonomische Realitäten und Utopien.

6 Minuten Lesedauer

Zöpfe sind zum Zeichen der Solidarität mit kurdischen Frauen geworden. Credit: IMAGO/ZUMA Press Wire

Lukas Hoffmann ist politischer Referent der deutschen Vertretung der Demokratischen Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien. Im Interview spricht er über die aktuellen Angriffe und die ökonomische Utopie der Selbstverwaltung.

Caro Rübe: Die kurdische selbstverwaltete Zone Nord- und Ostsyrien, auch bekannt als Rojava, wird gerade sowohl von der syrischen Armee als auch von türkischen Milizen angegriffen. Was passiert dort gerade?

Lukas Hoffmann: Die Lage ist sehr ernst. Die syrische Übergangsregierung mit dem Übergangspräsidenten al-Scharaa hat der Selbstverwaltung Nord- und Ost-Syrien den Krieg erklärt. Das betrifft Kurdinnen und Kurden, aber auch die Jesidinnen und Jesiden, die Armenierinnen und Armenier als auch die Christinnen und Christen, die im Norden leben. Nach dem Massaker an den Alawiten im Frühjahr 25 und an den Drusen im Sommer 2025 ist es jetzt schon das dritte Mal, dass es dieses Vorgehen gegen die religiöse und ethnische Vielfalt in Syrien gibt. Jetzt sollen auch noch die Kurden mit Gewalt zum Schweigen gebracht werden. Das hat angefangen mit einer Offensive auf die beiden kurdischen Stadtteile in Aleppo, jetzt wird das weitergeführt, indem auch die kurdischen Kerngebiete angegriffen werden. 

Was bedeutet das für die Bevölkerung?

Das ist vor allem für Zivilisten katastrophal. Über 170.000 Menschen wurden schon vertrieben, zahlreiche kurdische Zivilisten wurden getötet. Wir haben eine Liste von Beweisen für systematische Kriegsverbrechen, von Menschenrechtsverletzungen. Es gibt tote Kämpferinnen, denen die Zöpfe abgeschnitten wurden und die wie Trophäen getragen werden. Viele IS-Kämpfer sind aus den Gefängnissen freigekommen. Die Stadt Kobanê, das Symbol zum Kampf gegen den IS, ist belagert. Dort wurden 150.000 Menschen Strom und Wasser abgeschnitten, Lebensmittel und Medikamente sind knapp. Am Wochenende sind deshalb und wegen der Kälte leider schon mindestens fünf Kinder an Dehydrierung gestorben. 

Wie kam es zu den Angriffen?

Rojava ist ursprünglich aus der Revolution von 2012 entstanden. Die Kurdinnen und Kurden haben das Assad-Regime aus ihren Städten an der türkischen Grenze vertrieben und dann begonnen, eine Selbstverwaltung einzurichten. Dann wurde die Selbstverwaltung vom IS angegriffen und sie haben mit Unterstützung der Anti-IS-Koalition, auch von Deutschland, den USA, und anderen Staaten, den IS erfolgreich vertrieben. Dadurch wurden viele zusätzliche Gebiete befreit. Etwa das Drittel von Syrien, von der Grenze zur Türkei bis zum Euphrat, darunter waren auch  drei, vornehmlich arabisch besiedelte Regionen: Deir ez-Zor, Tabqa und Raqqa.

Diese Regionen wurden nun als Erstes angegriffen. Viele arabische Milizen, die auch Teil der Verteidigungseinheiten SDF, den syrischen demokratischen Kräften, sind, sind zur syrischen Übergangsregierung übergelaufen. Die SDF haben sich daraufhin zurückgezogen, um Blutvergießen zu vermeiden. Vor allem soll der Eindruck eines kurdisch-arabischen ethnischen Konflikts vermieden werden, denn so will ihn die Übergangsregierung und leider auch viele Medien darstellen. Doch das ist kein ethischer Konflikt zwischen Kurden und Arabern, sondern ein politischer Konflikt um die Frage, wie Syrien künftig aussehen soll. Al-Scharaa hat Assad gestürzt, aber das heißt nicht, dass er die syrische Revolution, die Hoffnung des Arabischen Frühlings, erfüllt. Die aktuelle syrische Übergangsregierung will kein Leben für die Syrerinnen und Syrer in Demokratie und Würde. Sie wollen ein autoritäres Land, einen zentralistischen Staat mit harter Hand regieren. Das hat Al-Scharaa immer wieder gezeigt. 

Existiert das autonome Gebiet gerade noch in einer zusammenhängenden Form?

Die arabischen Regionen sind jetzt unter Kontrolle der Übergangsregierung. Das sind ein paar Städte und viel Wüste, das sind aber auch Ölförderanlagen und auch Teile der Weizenfelder. Es gibt noch zwei Teile von Rojava, die türkisch besetzt sind. An der Grenze zur Türkei gibt es große kurdische Städte. Dort finden in den letzten Tagen die schweren Kämpfe statt. Trotz Waffenstillstand greifen die Milizen und die syrische Armee weiter an. Außerdem gibt es noch die Stadt Kobanê, die aber eingeschlossen ist – im Norden von der türkischen Grenze, und von allen anderen Seiten  von Truppen der syrischen Übergangsregierung. Heute wurde bekannt, dass es eine Einigung zwischen der Übergangsregierung und der SDF gibt. Dies beinhaltet einen dauerhaften Waffenstillstand und den Weiterbestand der SDF in Form von drei Brigaden. Das ist schon mal gut, weil ein Krieg in den kurdischen Städten vorerst verhindert wurde. Weitere Details des Abkommens werden in den nächsten Tagen veröffentlicht.

Rojava ist ja auch ein Hoffnungsprojekt für viele Linke auf der Welt. Was versucht man dort wirtschaftlich anders zu machen? 

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Lukas Hoffmann

Lukas Hoffmann ist politischer Referent der deutschen Vertretung der Demokratischen Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien.

Caro Rübe

Caro Rübe ist Politökonomin und forscht im Rahmen des Projekts »Powering Wealth« zu dynastischen Strategien. Caro benutzt alle Pronomen.

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