Willy Brandt sah die Menschheit im Jahr 1980 vor zwei großen Herausforderungen stehen. »Schicksalhaft« seien Jahrzehnte bis zum Ende des Millenniums. Die erste Herausforderung dürfte nicht sonderlich überraschen: Brandt appellierte an ein Ende des Wettrüstens zwischen der Sowjetunion und den USA. Die zweite große Aufgabe der Menschheit aus Brandts Sicht: eine Neugestaltung der Nord-Süd-Beziehungen. Für seine Ostpolitik ist der ehemalige Kanzler hinreichend bekannt. Für seine »Südpolitik« eher weniger. Dabei setzte sich Willy Brandt nach seinem Rücktritt als Kanzler 1974 energisch für eine neue, gerechtere Weltwirtschaftsordnung ein.
1974, also im gleichen Jahr, in dem Brandt nach der Guillaume-Affäre als Bundeskanzler abdankte, trat die »New International Economic Order« (NIEO) erstmals auf die große Bühne. In der gleichnamigen UN-Resolution forderten Staaten des Globalen Südens eine neue, reformierte Weltwirtschaftsordnung. Der Globale Süden wollte so die Dekolonialisierung vollenden und wirtschaftlich zum Globalen Norden aufschließen. Damit das möglich war, mussten die Rahmenbedingungen aus Sicht der Staaten des Globalen Südens grundlegend neu gestaltet werden. Klingt heute utopisch. Doch Ende der 1970er Jahre waren selbst viele Politikerinnen und Politiker aus dem Globalen Norden, wie etwa Willy Brandt, für eine neue Weltwirtschaftsordnung.
Der Brückenbauer
Neben der Unabhängigkeitswelle der 1960er Jahre stellte die erste Ölkrise 1973 ein Schlüsselereignis für die Selbstermächtigung des Globalen Südens dar. Damals, ähnlich wie Iran es gerade tut, erkannten die ölexportierenden OPEC-Staaten ihre ungeheure Macht über die Weltwirtschaft – vor allem, wenn sie dabei als Ölproduzenten geeint antreten. Sie versuchten, analog dazu auch in anderen Bereichen neue Handelsbedingungen auszuhandeln.
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