Wer heute nach den Ursprüngen der Entwicklungsökonomik sucht, stößt auf bekannte Namen: W. Arthur Lewis, Albert Hirschman, Paul Rosenstein-Rodan. Kaum jemand hingegen kennt Charlotte Leubuscher. Vor 100 Jahren war das anders: Leubuscher war die erste habilitierte Nationalökonomin Deutschlands, lehrte an den Universitäten in Berlin und Göttingen, unternahm auf eigene Initiative mehrere Forschungsreisen und galt als eine der ersten Frauen überhaupt mit Chancen auf eine Professur. Ihre Beiträge zur Arbeiterfrage, zur Sozialpolitik der Industriegesellschaft sowie zu afrikanischen Kolonien fanden große Beachtung.
Eine junge Frau, die neugierig auf die Welt war
Charlotte Leubuscher wurde 1888 in Jena in ein akademisch geprägtes Umfeld hineingeboren. Sie wuchs als einziges Kind eines Medizinalrats in Meiningen auf, eingebettet in das protestantische Bildungsbürgertum des Deutschen Kaiserreichs. Ihr Urgroßvater war der Theologe Karl August von Hase, durch den sie entfernt mit Dietrich Bonhoeffer verwandt war. Der Bildungsweg Leubuschers war außergewöhnlich – und das nicht nur auf der individuellen Ebene: 1907 wurde sie als erstes Mädchen am örtlichen Gymnasium aufgenommen. Leubuscher bestand die Reifeprüfung mit so guten Leistungen, dass sie von den mündlichen Prüfungen befreit wurde.
Nach dem Abitur verbrachte sie drei Monate am Girton College, dem Frauencollege der Universität Cambridge, und reiste anschließend durch Großbritannien. Es war eine klassische Bildungsreise, wie sie zu dieser Zeit vor allem jungen Männern offenstand. Als Leubuscher ihr Studium im Herbst 1909 an der Universität in Gießen begann, waren Frauen zum Studium gerade erst zugelassen worden – in Hessen wie in Preußen seit 1908. Das Studium führte sie schließlich über München nach Berlin, wo sie 1913 an der Friedrich-Wilhelms-Universität in den Staatswissenschaften promovierte.