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Das Wirtschaftsmagazin

Harvard-Professor: Die Welt braucht ein geeintes Europa – und zwar schnell

Die Welt braucht eine wirtschaftliche Alternative zu den USA und China. Europa muss den Mut finden, einen eigenen Weg zu gehen.

4 Minuten Lesedauer

Die Uneinigkeiten in der EU nehmen zu. Credit: IMAGO/Panoramic by PsnewZ

Die beiden Weltmächte sind nicht gerade inspirierende Vorbilder für jene, denen Demokratie, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit am Herzen liegen. China ist trotz seines wirtschaftlichen Erfolgs ein autoritäres Regime, das keine abweichenden Meinungen duldet. Und unter Präsident Donald Trump haben die USA nicht nur jeden Anschein des Bemühens aufgegeben, ihre enormen Einkommens- und Vermögensunterschiede zu bekämpfen, sondern sich im Inland zudem stark von der Rechtsstaatlichkeit entfernt, während sie gegenüber dem Ausland zu einem unberechenbaren, unzuverlässigen Partner geworden sind.

Viele sehnen sich nach einer besseren Zukunft als der, die die Modelle der USA und Chinas bieten. Wenn wir eine stabile multipolare Welt erreichen wollen, in der demokratische Bestrebungen lebendig bleiben, muss Europa die Führung übernehmen.

Nicht an den USA orientieren

Aber Europa hat eigene Schwächen. Sein wirtschaftlicher Motor stottert, und seine Demokratie steht unter Beschuss durch rechtsextreme Gruppen. Jedoch hat sich die politische Lage dort nicht so stark verschlechtert wie in den USA unter Trump, und der Kontinent verfügt nach wie vor über viele Stärken, darunter sein Modell der sozialen Marktwirtschaft, das mehr Gleichheit und eine stärkere Mittelschicht hervorbringt als die USA, sowie eine große wirtschaftliche Basis – nach Kaufkraftparität vergleichbar mit der der USA –, die viele innovative Branchen umfasst.

Das Problem ist nicht nur, dass es Europa an einer Vision mangelt, was es sein will, sondern dass es sich oft von den falschen Vorbildern inspirieren lässt. Für viele Staats- und Regierungschefs des Kontinents ist das Innovationsmodell des amerikanischen Silicon Valley der heilige Gral. Sie verweisen auf die im einflussreichen Draghi-Bericht dokumentierte »Innovationslücke« zwischen den USA und der Europäischen Union und befürworten Reformen – wie die Integration der Finanzmärkte und die digitale Deregulierung –, die Europa tatsächlich den USA ähnlicher machen würden.

Diese Bewunderung für die USA ist fehl am Platz. Sie ignoriert die europäischen Traditionen der Inklusion und Regulierung, die zu gerechteren Gesellschaften mit breiterem Zugang zu guten Arbeitsplätzen für die Mittelschicht und zuverlässigeren sozialen Sicherungssystemen geführt haben. Außerdem übersieht sie die Diskrepanz in den USA zwischen Innovation einerseits und Produktivität und allgemeinem Lebensstandard andererseits.

Es stimmt, dass die USA nach fast allen Maßstäben mehr für Forschung und Entwicklung ausgeben und mehr Innovationen hervorbringen. Dies führt jedoch nur dann zu einer höheren gesamtwirtschaftlichen Produktivität und einem steigenden Lebensstandard für die normale Bevölkerung, wenn die Vorteile breit gestreut sind. Tatsächlich war das Produktivitätswachstum in den USA seit dem Jahr 2000, vom jüngsten Aufschwung einmal abgesehen, eher mäßig. Der Technologiesektor ist eine Insel in einer Wirtschaft, in der viele Arbeitnehmer einen Zweitjob brauchen, um sich über Wasser zu halten.

Wie Ufuk Akcigit von der University of Chicago und Sina Ates vom Federal Reserve Board gezeigt haben, hat sich die Verbreitung von Innovationen in den USA verlangsamt. Eine kleine Zahl von Großunternehmen hat die Wissensproduktion monopolisiert, während Eintrittsbarrieren und restriktive Patente eine Masse kleinerer, rückständiger Unternehmen hervorbringen. Die resultierende Konzentration innovativer Aktivitäten führt dazu, dass das US-Wirtschaftssystem eine stark verzerrte Einkommens- und Vermögensverteilung erzeugt, die kein Land nachahmen sollte. Trump selbst kam auf der hierdurch ausgelösten Welle der Unzufriedenheit an die Macht.

Auch China eignet sich nicht als Blaupause

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Dani Rodrik

Dani Rodrik, Professor für internationale politische Ökonomie an der Harvard Kennedy School, ist ehemaliger Präsident der International Economic Association und Autor von »Shared Prosperity in a Fractured World« (Princeton University Press, 2025).

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