Die Woche beginnt mit Benzinpreisen weit über zwei Euro. Für ein Land mit über 40 Millionen Verbrennern und einem Bundeskanzler, der zuletzt persönlich gegen einen verbindlichen Wechsel zur Elektromobilität gearbeitet hat, ist das suboptimal. Eine Entspannung ist mit Blick auf die geopolitische Lage nicht in Sicht. Und wenn sich Teile von Union und SPD in den nächsten Wochen in Debatten zur Energiewende durchsetzen, dann ist das erst der Anfang.
Um das Ausmaß des energiepolitischen Dramas zu begreifen, muss man sich erinnern, dass es für einige gerade super läuft. Fangen wir in Norderstedt in Schleswig-Holstein an, da fliegen nämlich die Sektkorken. Der weitgehend unbekannte Ex-SPD-Bundestagsabgeordnete Bengt Bergt hat es geschafft. Von ihm kommt die Idee der Grüngasquote, die prominent im Eckpunktepapier für ein neues Heizungsgesetz steht. Dieses Gesetz entscheidet über die Dekarbonisierung im Gebäudesektor und damit das Erreichen der Klimaziele.
Dass dieser Vorschlag – zu den Details kommen wir noch – mit »sozial« und »demokratisch« so viel zu tun hat wie Erdgas mit Klimaschutz, dürfte für den SPD-Mann kein Problem sein. Er selbst ist im vergangenen Jahr nahtlos vom Bundestag in die Erdgaslobby gewechselt, und die gehört zu den großen Gewinnern der Quote. Noch als Bundestagsabgeordneter hatte er 2023 und 2024 diverse Treffen mit seinem heutigen Arbeitgeber und ist Anfang 2024 persönlich in Fracking-Regionen der USA gereist, um zurück in Deutschland euphorisch für den Import von US-Frackinggas zu werben. (Dass Fracking in Deutschland wegen der desaströsen Umweltfolgen verboten ist, die Fracking-Regionen in den USA mit Rekorden an Luftverschmutzung und Krebsraten auffallen und die Industrie sich strukturell in benachteiligten und schwarzen Nachbarschaften ansiedeln, scheint dabei nachrangig.)
Dass Bergts Grüngas-Fantasie mit einem denkbar ungünstigen Timing brilliert – Stichwort kriegsbedingte Ölpreis-Explosion, lahmgelegte Lieferketten, gefährliche fossile Abhängigkeiten –, muss die fossile Branche nicht beunruhigen. Denn sie wird durch Wirtschaftsministerin Katharina Reiche politisch unterstützt. Anders steht es um den Rest der Regierung, die nicht nur vor dem abenteuerlichen Versuch steht, unter dem Stichwort »Versorgungssicherheit« für mehr Gas- und Öl-Infrastruktur zu werben. Jenseits gewisser argumentativer Herausforderungen hat das Eckpunktepapier des Wirtschaftsministeriums das Potenzial, zur Verfassungsfrage zu werden.
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Das Märchen vom grünen Gas
Kurz zum Technischen: Die Grüngasquote oder auch Biotreppe genannt, ist an sich schnell erklärt. Da die Nutzung von Erdgas große Mengen an Methan produziert (das Treibhausgas ist 80 Mal so gefährlich wie CO₂), soll eine Grüngas-Quote dem Erdgas-affinen Deutschland Abhilfe schaffen: In unseren Gasmix sollen sukzessiv »Biofuels« beigemischt werden, so könne man weiter Gasheizungen einbauen und gleichzeitig grüner werden.
Die unliebsamen Details: Biofuels müssen erst hergestellt werden – durch die, nun ja, Zugabe von erneuerbarer Energie, sind sie vergleichsweise ineffizient und teuer. Der Biofuel-Markt existierte bisher in keinem nennenswerten Ausmaß. Im Fall einer stark wachsenden Nachfrage würden die gängig verwendeten Pflanzenreste nicht mehr ausreichen, man müsse extra Anbaufläche für die später zu verarbeitenden Biofuel-Pflanzen finden, was wiederum mit der Ernährungssicherheit konkurrieren könnte. »Fork or Fuel« heißt das bekannte Problem, wenn Landwirte sich zwischen dem Anbau von Grundnahrungsmitteln oder eben Biofuels entscheiden müssen. Definitionsgemäß sind Biofuels schon ab einer 70-prozentigen CO₂-Minderung »grün«, selbst 100 Prozent Biofuels in den Leitungen wären so im Zweifel gar nicht klimaneutral.

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