Sie predigen Nation, Rasse, Fruchtbarkeit — und ziehen Milliarden aus dem globalen Finanzmarkt. Quinn Slobodian und Ben Tarnoff haben einen Namen für das Wirtschaftsmodell und die Ideologie der Neuen Rechten: Muskismus. Im Interview erklären die Autoren, wie sich Elon Musk ideologisch entwickelt hat, wie sein Unternehmensmodell mit dem Staat verknüpft ist, und wieso er Mensch mit Maschine verbinden will.
Elon Musk ist der reichste Mann der Welt und wird in den Medien ausgiebig diskutiert. Mit Muskismus haben Sie nun ein ganzes Buch über ihn geschrieben. Was wollen Sie zur Debatte beitragen?
Slobodian: Es findet eine sehr starke Personalisierung und sogar Psychologisierung Elon Musks statt. Es gibt diesen Auto-Aufkleber: »I bought this before Elon went crazy«. Das impliziert: Was man wirklich über Musk, Tesla und SpaceX wissen muss, ist ausschließlich der mentale Zustand des Gründers und CEO. Wir sind der Ansicht, dass dies kein sonderlich hilfreicher Ansatz ist, um zu verstehen, wofür Musk insgesamt steht – also unabhängig davon, ob er möglicherweise einen Nervenzusammenbruch hat und drogenabhängig ist. Aus politökonomischer Sicht ist es viel interessanter zu fragen, warum er trotz seiner geistigen Gesundheit weiterhin erfolgreich ist und belohnt wird.
Unsere Analogie dazu ist der Fordismus, ein Begriff, der in den 1920er Jahren von einem deutschen Ökonomen in Reaktion auf die Veröffentlichung von Henry Fords Autobiografie geprägt wurde. Diese zielte darauf ab, die Handlungen einer einzigen Person zu einem gesellschaftlichen System und einer Methode zur Ordnung der politischen Ökonomie im weiteren Sinne zu machen.
Wenn Sie diese Parallelen zwischen Ford und Musk ziehen, versuchen Sie dann, eine völlig neue Ära des Kapitalismus zu beschreiben? Oder handelt es sich eher um eine allgemeine, distanzierte Betrachtung dieser einen Persönlichkeit?
Slobodian: Wir betrachten dies weniger als den Beginn einer komplett neuen Ära der globalen Wirtschaftsgeschichte, sondern vielmehr als eine potenzielle politische und ökonomische Entwicklung. Wir wollten den wissenschaftlichen Erkenntnissen über den Fordismus folgen und den Muskismus sowohl als eine Form der Produktion und Akkumulation als auch als ein Modell der gesellschaftlichen Regulierung und der sozialen Ordnung betrachten. Es wurde viel darüber geschrieben, wie Musk seine Fabriken führt und seine Produkte vertreibt, aber weniger darüber, welche Auswirkungen dies auf eine mögliche Umgestaltung der Gesellschaft haben könnte.
Können Sie uns ein Beispiel geben, wie eine solche Umgestaltung aussehen könnte?
Tarnoff: Eines der Themen, die wir in dem Buch behandeln, ist die Symbiose mit dem Staat – das Bestreben, öffentliche und private Macht auf neue Weise zu vereinen. Ich würde dies als Kontrast zu einer Politik beschreiben, die sich als deregulierend oder libertär versteht. Wir interessieren uns für dieses Thema des Muskismus, weil wir ihn als Versuch verstehen, die Kapazitäten des Staates durch private Mittel zu vergrößern. Staaten auf der ganzen Welt sind bestrebt, ihre souveräne Macht auszuüben, verstärken dafür jedoch ihre Abhängigkeit von privatwirtschaftlichen Akteuren. Dieses Muster lässt sich ganz offensichtlich in Musks gesamter Karriere wiederfinden. Insbesondere SpaceX kommt mir dabei in den Sinn.
Quinn Slobodian und Ben Tarnoff: Muskismus
Aufstieg und Herrschaft eines Technoking. Erscheint am 17. Februar 2026 im Suhrkamp Verlag.
Auch Palantir, ein Unternehmen, das Menschen in Europa wohl sehr vertraut ist, ist nun tief in die Regierung der Vereinigten Staaten eingebunden. Eine der wichtigsten Entwicklungen unter dem Einfluss von DOGE war ein massiver Anstieg der Aufträge, die Palantir von der Regierung erhalten hat. Wenn man das von Alexander Karp mitverfasste Buch The Technological Republic liest, zeigt sich: Die Vision, die er dort als seine Motivation für die Arbeit an Palantir beschreibt, kommt dem sehr nahe, was wir als Musks Vision einer Symbiose mit dem Staat bezeichnen. Das zeigt, dass der Muskismus von Personen verfolgt und weiterentwickelt werden kann, die nicht Elon Musk sind.
Beim Thema Fordismus beschränkt sich die Analyse nicht auf die Person Ford, sondern geht auch darauf ein, wie Fabriken strukturiert und Arbeitsbedingungen gestaltet werden und welche Auswirkungen das auf die Gesellschaft insgesamt hat. In Ihrem Buch bleiben Sie allerdings recht nah an der Person Musk. Wie weit kann die Analyse einer neuen Ordnung gehen, wenn man sich in erster Linie auf die Person konzentriert, die sie möglicherweise als Erste umsetzt?
Slobodian: Der Unternehmer Musk hat etwas historisch Beispielloses und Besonderes an sich, nämlich die Vielfalt und Bandbreite seines Geschäftsimperiums. Einer der Gründe, warum man über den Fordismus nicht ausschließlich unter Bezugnahme auf die Person Ford schreiben konnte, war, dass er eben nur ein Automobilhersteller war. Er war das Zentrum und das Herzstück dieses einen Geschäftsmodells. Ja, er hat Vorstöße in Richtung antisemitischer Propaganda und Ähnliches gemacht – aber im Mittelpunkt stand doch immer das Thema Auto.
