Wie hängt die Krise der Lebenshaltungskosten mit der Einkommensungleichheit zusammen? Diese Frage erhält durch immer häufigere externe Schocks wie Ernteausfälle, Energiepreisspitzen und geopolitische Spannungen eine neue Dringlichkeit. Währenddessen wächst das Risiko einer internen demokratischen Erosion durch steigende Ungleichheit und Unsicherheit, die zur Unzufriedenheit mit dem politischen System beitragen.
Die Wirtschaftsprofessorin und Surplus-Herausgeberin Isabella Weber geht mit Kolleginnen und Kollegen in einem neuen Arbeitspapier dem Verdacht nach, dass Veränderungen derjenigen Preise, die für die Inflation eine wichtige Rolle spielen, ebenfalls Einkommen von unten nach oben umverteilen und damit die Ungleichheit vergrößern. Anhand von Daten aus den USA finden Weber und Kollegen, dass ein Schock auf die Lebensmittelpreise das Einkommen der unteren 10 Prozent 126 Prozent stärker belastet als das der oberen 10 Prozent. Für Öl- und Kohleprodukte beträgt der Unterschied 54 Prozent.
Diese Ergebnisse legen eine Stabilisierungspolitik nahe, die Preissprünge in diesen strategisch wichtigen Sektoren abfedert. Damit könnten Risiken eingedämmt und die Resilienz der Gesellschaft gestärkt werden.
Methode und Ergebnisse
Letztes Jahr veröffentlichten Weber und Kollegen eine Analyse systemisch wichtiger Preise in der Fachzeitschrift Industrial and Corporate Change. Die Inflation wird als die Veränderung des allgemeinen Preisniveaus verstanden. Doch bei dieser Betrachtungsweise gehen wichtige Details verloren, nämlich welche Preise sich genau verändern und damit Einfluss auf das Preisniveau ausüben. Zudem herrscht in der Wirtschaftswissenschaft oft die Annahme eines repräsentativen Haushalts vor – was außen vor lässt, wie die Inflation Haushalte unterschiedlich treffen kann. Wer einen Benziner fährt und mit Gas heizt, wird eine andere Inflation spüren, als wer mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt und bereits eine Wärmepumpe verbaut hat.
Um sich dieser Komplexität zu stellen, bauen Weber und Kollegen weiter auf das bewährte Gerüst der Input-Output-Modellierung. Diese ermöglicht es, die unzähligen Mengen- und Preisverbindungen zwischen den Sektoren der Wirtschaft abzubilden. Zum Beispiel spielen Öl und Gas eine wichtige Rolle in der Wirtschaft, da sie in fast allen anderen Sektoren zum Einsatz kommen, während etwa die Herstellung von Textilien eine untergeordnete Rolle spielt. Diesen Input-Output-Ansatz erweitern sie nun um die einkommensspezifischen Warenkörbe. Ärmere Haushalte verwenden einen größeren Teil ihres Einkommens auf Konsum, insbesondere für Energie und Lebensmittel, während reichere Haushalte mehr sparen können und vor allem mehr für Transport ausgeben. Diese Herangehensweise ermöglicht die kombinierte Analyse von Inflation und Ungleichheit.
Weber und ihre Kollegen schätzen also den Einfluss einzelner Güterpreise auf das Preisniveau sowie den Gini-Koeffizienten, ein Standardmaß für Ungleichheit. Dieser Koeffizient geht zwischen 0 – alle erhalten das gleiche Einkommen – bis 1 – eine Person erhält das gesamte Einkommen. Diese Schätzung erfolgt mit den gleichen Daten aus der vorherigen Studie: den sektoralen Preisen von 2000 bis 2019 sowie den Preisveränderungen zwischen Mitte 2021 und Mitte 2022 in den USA. Damit werden die multiplen Krisen der Lieferketten und der Energiepreise in diesem Zeitraum abgebildet. Haushaltsbefragungen liefern die Datengrundlage für die einkommensspezifischen Warenkörbe.
