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Die drei wichtigsten News der letzten zwei Wochen
- Deepfake-Pornografie auf X.
Die Plattform X, früher Twitter, kämpft mit KI-generierten sexualisierten Inhalten, häufig ohne Einwilligung der Betroffenen. Zwar wurden Regeln verschärft, das Geschäftsmodell bleibt jedoch unangetastet. Wichtig, weil: Die Technik ist da, der Schutz nicht. Reaktionen erfolgen erst unter öffentlichem Druck. Die offene Frage bleibt, wer haftet, wenn Plattformen Reichweite monetarisieren und Schäden auslagern. - BSI startet Cybersicherheitsportal auf AWS.
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hat ein neues Online-Portal freigeschaltet – betrieben auf der Cloud-Infrastruktur von Amazon Web Services. Wichtig, weil: Ausgerechnet zentrale staatliche Sicherheitsinfrastruktur wird erneut von einem US-Hyperscaler abhängig gemacht. Die offene Frage bleibt, wie ernst es Deutschland mit digitaler Souveränität ist, wenn selbst das BSI sie auslagert. - Datenschutzeingaben in Berlin stark gestiegen.
Die Zahl der Beschwerden, Hinweise und Anfragen an die Berliner Datenschutzaufsicht ist im vergangenen Jahr um rund 50 Prozent gestiegen, besonders zu sozialen Medien, Streamingdiensten und KI-Anwendungen. Wichtig, weil: Das stark wachsende Beschwerdeaufkommen zeigt, dass Datenschutz für viele Menschen zum greifbaren Alltagsthema geworden ist – und dass die bestehenden Regeln offenbar nicht ausreichen, um Unsicherheiten und Missstände zu klären.
Thema der Woche:
Willkommen im Tech-Bro-Sozialismus!
Willkommen im Tech-Bro-Sozialismus!
Ausgerechnet jene Akteure, die den Staat lange als Innovationsbremse betrachteten und Umverteilung reflexartig als Freiheitsberaubung abtaten, sprechen plötzlich von kollektiver Erlösung. Künstliche Intelligenz, so heißt es nun, werde Arbeit überflüssig machen, Wohlstand demokratisieren und gesellschaftliche Probleme effizient lösen. Die Tonlage ist neu. Die Machtverhältnisse sind es nicht.
Was hier verhandelt wird, ist weniger ein Technologiesprung als eine ideologische Neurahmung. Die großen KI-Erzählungen unserer Zeit greifen auffallend häufig auf Motive zurück, die historisch aus sozialistischen Zukunftsentwürfen stammen: Automatisierung als Weg zur Befreiung von Arbeit, Planung als Garant von Effizienz, Technik als neutraler Fortschritt für alle. Das ist kein Zufall. Diese Motive wirken, weil sie vertraut klingen. Und weil sie Hoffnung versprechen, ohne Konflikte zu benennen.
Historisch war Technik im sozialistischen Denken jedoch nie bloß ein Werkzeug. Sie war immer eingebettet in Machtfragen: Wer besitzt sie? Wer kontrolliert sie? Und wer profitiert von ihrem Einsatz? Genau diese Fragen bleiben in den heutigen Tech-Utopien bemerkenswert unscharf. Stattdessen wird KI als naturgesetzliche Entwicklung präsentiert. Als etwas, das passiert. Und dem man sich besser anschließt, bevor man abgehängt wird.
Aya Jaff: Broligarchie
Die Machtspiele der Tech-Elite und wie sie Fortschritt verhindern. Erschien im November 2025 im Ullstein Verlag.
Es entsteht dabei der Eindruck, als solle diese Rhetorik nicht nur erklären, sondern motivieren. Als müssten Menschen emotional auf eine technologische Zukunft eingeschworen werden, die längst entschieden scheint. Die Sprache ist groß, kollektiv und sinnstiftend. Sie lädt ein, Teil von etwas Größerem zu sein, ohne klar zu benennen, worüber eigentlich noch entschieden werden darf.
Ich nenne diese Ideologie: Tech-Bro-Sozialismus.
Der Tech-Bro-Sozialismus verspricht Überfluss, aber keine Umverteilung. Planung, aber keine Demokratie. Befreiung ohne die Fragen nach Eigentum, Kontrolle und Macht. Besonders sichtbar wird das bei Unternehmen wie World (damals: Worldcoin), die sich als globale Wohltäter inszenieren. Eine digitale Identität, biometrisch gesichert, soll finanzielle Inklusion ermöglichen und den Zugang zur digitalen Ökonomie vereinfachen. Die Vision reicht bis hin zu einem universellen Grundeinkommen, allerdings nicht als politisch erkämpftes Recht, sondern als technisches Nebenprodukt effizienter Systeme. Auch hier ist die technische Planung präzise, die Frage nach der gesellschaftlichen Aushandlung bleibt hingegen auffällig vage.
