Das Jahr war keine drei Tage alt, da griffen die USA die venezolanische Hauptstadt Caracas an und entführten den Präsidenten Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores. Den eklatanten Bruch des Völkerrechts konnte kaum ein westlicher Staatschef als einen solchen benennen. Der US-Präsident Donald Trump machte keinen Hehl aus seiner Motivation: Es ging um das Öl.
Hiesige marktliberale Ökonomen und konservativ-libertäre Politiker begrüßten den Angriff der USA, da Maduro ein Diktator und nicht-legitimer Präsident war. Dass sie damit das Völkerrecht endgültig vor den Bus der Willkür werfen, scheint sie kaum zu stören. Als Nächstes schielt die US-Regierung bereits auf Grönland – und angesichts der europäischen Schwäche spricht derzeit wenig dafür, dass Trump und seine Schergen von ihren Eroberungsplänen Abstand nehmen werden. Trump kündigte bereits an, dass Grönland wichtig sei für die »nationale Sicherheit« der USA. Damit wäre der Rechtfertigung einer Besatzung bereits Genüge getan.
Doch wie steht es um den Punkt, dass der amerikanische Völkerrechtsbruch ein »Signal der Hoffnung für Venezuela« sei, wie es der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jürgen Hardt, bezeichnete? Trump selbst hat schließlich betont, dass es ihm zwar in erster Linie um das Profitinteresse der amerikanischen Ölkonzerne gehe, doch dass auch das venezolanische Volk etwas davon haben werde.
Das Interesse am Öl
Die wirtschaftliche Logik hinter diesen Aussagen ist nicht neu – und fügt sich nahtlos in die Geschichte imperialistischer Ausbeutung von Entwicklungsländern durch westliche Staaten ein. Venezuela verfügt über die größten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt, rund 300 Milliarden Barrel, etwa ein Fünftel des globalen Bestands. Der politische Kampf der USA um dieses Öl reicht bis in die Mitte der 2000er Jahre zurück. Unter Präsident Hugo Chávez begann Venezuela ab 2005 mit der Verstaatlichung großer Teile der Industrie. Betroffen waren vor allem US-amerikanische und europäische Konzerne. In der Folge wurden Entschädigungsforderungen von rund 60 Milliarden Dollar gegen den Staat und den staatlichen Ölkonzern PDVSA geltend gemacht. Trump forderte bereits vor der Invasion explizit, Venezuela müsse Öl- und Vermögenswerte »zurückgeben, die sie uns zuvor gestohlen haben«. Am 17. Dezember 2025 blies der stellvertretende Stabschef des Weißen Hauses, Stephen Miller, in dasselbe Horn: »Amerikanischer Schweiß, Erfindergeist und harte Arbeit haben die Ölindustrie in Venezuela geschaffen«, schrieb er – »ihre tyrannische Enteignung war der größte jemals dokumentierte Diebstahl amerikanischen Vermögens und Eigentums.« Diese Denkweise folgt einer klassischen kolonialen Logik, wie sie im 19. und 20. Jahrhundert die westliche Politik dominierte und den globalen Imperialismus rechtfertigte.
Ökonomisch ist die Ausgangslage allerdings komplexer, als es die Rhetorik nahelegt. Venezuelas Ölproduktion ist seit den späten 2000er Jahren um rund zwei Drittel gefallen und liegt derzeit bei etwa einer Million Barrel pro Tag. Ursachen sind Sanktionen, jahrelange Unterinvestitionen, technische Defizite, Managementprobleme und der massive Abfluss qualifizierter Arbeitskräfte. Das venezolanische Rohöl ist überwiegend schwer und schwefelhaltig. Seine Förderung ist kapital- und technologieintensiv, seine Verarbeitung erfordert spezialisierte Raffinerien.
Gerade darin liegt jedoch ein konkretes Interesse der USA. Viele amerikanische Raffinerien, insbesondere an der Golfküste, sind technisch auf schwere, sogenannte »sour crudes« ausgelegt. In den vergangenen Jahren bezogen sie vergleichbare Qualitäten vor allem aus Kanada. Angesichts politischer Spannungen und logistischer Engpässe gilt venezolanisches Öl aus US-Sicht als funktional gut einsetzbarer Ersatz. Der Zugriff auf diese Rohölsorte folgt damit industrie- und energiepolitischen Überlegungen.
Doch selbst unter günstigen Bedingungen wäre eine rasche Erholung der Förderung in Venezuela begrenzt. Schätzungen zufolge könnten einfache Wartungs- und Reparaturmaßnahmen die Produktion bis Ende 2026 auf etwa 1,2 Millionen Barrel pro Tag erhöhen. Der britische Economist verweist darauf, dass Investitionen von rund 110 Milliarden US-Dollar allein in Exploration und Produktion nötig wären, um das Förderniveau von vor 15 Jahren zu erreichen. 110 Milliarden US-Dollar entsprechen ungefähr dem Doppelten dessen, was sämtliche amerikanische Ölfirmen weltweit im Jahr 2024 investierten. Hinzu kommt, dass es sich beim Ölgeschäft auf längerfristige Sicht ohnehin um einen absterbenden Sektor handelt. Die derzeitigen Ölpreise (inklusive Berücksichtigung der Futures) reichen nicht aus, um den Rohstoff gewinnbringend aus dem Boden zu holen. Wie die Entwicklungsökonomin Barbara Fritz gegenüber Surplus erklärte, ist der Niedergang der Ölindustrie auch der Grund für Chinas relativen Rückzug aus Venezuela. »China hat seit 2016 keinen neuen Cent in Venezuela investiert«, betonte Fritz.
Das venezolanische Volk hat für die USA keine Relevanz
Aus der geopolitischen und imperialistischen Motivation hinter dem Angriff hat die Trump-Administration keinen Hehl gemacht. Doch wie es zur klassischen Koloniallogik gehört, wird hinterhergeschoben, dass auch die venezolanische Bevölkerung davon profitieren wird: »Wir werden unsere sehr großen US-Ölkonzerne, die größten weltweit, einbeziehen (…) und sie damit beginnen lassen, Gewinne für das Land zu erwirtschaften.« Eben hier liegt das »Signal der Hoffnung«, das Politiker und marktliberale Ökonomen in dem Gewaltakt sehen.
Zu wünschen wäre es dem venezolanischen Volk, dass ihre Leidensgeschichte ein Ende findet. Den Zahlen des IWF zufolge sank das reale Pro-Kopf-Einkommen im Jahr 2025 auf weniger als 7.200 internationale Dollar und betrug damit lediglich ein Drittel des Werts aus dem Jahr 1980, als es noch bei über 22.000 lag. In den Jahren vor Corona ging das reale Pro-Kopf-BIP fünf Jahre in Folge zweistellig zurück: pro Jahr um minus 16 bis 30 Prozent. Die Arbeitslosigkeit stieg in den späten 2010er Jahren auf über 35 Prozent (nach 2018 sind keine offiziellen Zahlen mehr verfügbar). Die Inflation schwankte in den vergangenen Jahren zwischen 50 und 2.300 Prozent, nachdem sie 2018 bei über 65.000 Prozent und 2019 bei nahezu 20.000 Prozent lag. Kurz: Die wirtschaftliche und humanitäre Lage war eine Katastrophe und wurde durch eine brutale Diktatur und das Militär verschärft.
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