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Das Wirtschaftsmagazin

Wirecard-Prozess: Ein Skandal, der schon vor 20 Jahren begann

Wirecard-Betrug wird derzeit vor Gericht verhandelt. Doch schon lange bevor der Absturz kam, gab es Anzeichen.

6 Minuten Lesedauer

Markus Braun sitzt noch in Untersuchungshaft, Jan Marsalek ist außer Landes. Collage: Surplus, Material: IMAGO/Alexander Pohl/Sven Simon/BREUEL-BILD

Es ist einer der größten Betrugsfälle in der deutschen Geschichte. Wirecard, ehemals DAX-notiert, galt lange als deutsches Fintech-Vorzeigeunternehmen. Doch 2020 stellte sich heraus, dass mehrere Milliarden Euro auf Treuhandkonten in Asien schlicht nicht existierten. Tausende Anlegerinnen und Anleger verloren ihr Geld, das Unternehmen meldete Insolvenz an.

Nicht nur ist die Finanzaufsicht Bafin in diesem Zuge kritisiert worden, weil sie kritische Journalisten verfolgte, statt das Unternehmen selbst zu prüfen. Auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY hatte jahrelang die Bilanzen von Wirecard testiert, ohne die Ungereimtheiten aufzudecken. Seitdem ist der ehemalige COO Jan Marsalek auf der Flucht und der ehemalige CEO Markus Braun in Untersuchungshaft, der Hauptprozess dauert an.

Währenddessen gab es einen Mann, dem Wirecard schon seit 2003 suspekt schien. Seine Geschichte begann mit einem kleinen, zufälligen Klick, der ihn in ein Jahrzehnte andauerndes Rabbit Hole katapultierte. Er begann zu recherchieren, Ungereimtheiten zu dokumentieren, stundenlang Beiträge in Foren zu schreiben, Dokumente zu sammeln. Seine Geschichte wirft die Frage auf: Wenn jemand wie er, ein einfacher Beobachter, das schon so früh bemerkt hat, warum haben andere nichts mitbekommen? Heute sitzt er im Gerichtssaal und verfolgt den Wirecard-Prozess. Aus seinen Augen wirkt das, was dort geschehen ist, noch einmal kurioser.


Ein geschichtsträchtiger Prozess

Einer der Zeugen sei mittlerweile verstorben und werde deshalb nicht kommen, sagt der Vorsitzende Richter der vierten großen Strafkammer des Landgerichts München. Und hätte der Mann in der dritten Reihe im Besucherbereich nicht halb empört, halb verzweifelt gelacht – so ein Das-ist-doch-alles-absurd-Lachen –, wäre dieser Tod in den seit 9 Uhr vorgetragenen, langatmigen Verkündungen des Richters komplett untergegangen.

Trotzdem – leicht deplatziert, dieser Lacher. So wie der Mann selbst: grauer Schlabberpulli, blaue Jeans, Trekkingschuhe. Alle anderen tragen in diesem 270 Quadratmeter großen und gut sechs Meter hohen, mit edlem Holz verkleideten Saal Business-Look oder eben schwarze Roben. Es geht hier schließlich um sehr viel Geld. Sagen wir zwischen 1,9 und 2,1 Milliarden Euro, die bei dem einstigen deutschen Vorzeigeunternehmen der FinTech-Branche verschwunden sein sollen. Diese enorme Differenz bei der Schadenssumme ergibt sich übrigens aus immer noch offenen Fragen der Bilanzrekonstruktion sowie unterschiedlichen Betrachtungsweisen von »fehlendem Geld« seitens der Verfahrensbeteiligten. Jedenfalls geht es hier um das, was einmal das Investment von über 25.000 Anlegerinnen und Kapital von Kunden war, die dem Zahlungsdienstleister Wirecard vertrauten.

Ein Fehler, wie man heute weiß. Aber in der deutschen Öffentlichkeit waren Zweifel lange gar nicht gern gehört. Dieselbe Staatsanwaltschaft, die hier im unterirdischen Saal der JVA Stadelheim nun seit mehr als drei Jahren drei Männer aus der Wirecard-Chefetage wegen bandenmäßigen Betrugs, Bilanzfälschung, Marktmanipulation und Untreue anklagt, leitete 2019 zunächst Ermittlungen gegen Journalistinnen und Journalisten der Financial Times ein, weil sie über mögliche Unregelmäßigkeiten bei Wirecard berichtet hatten. Was damals vielleicht nur suspekt schien, wirkt heute sehr, sehr peinlich.

Frühe Zweifel

Der Mann im Schlabberpulli meldete sich schon 2003 das erste Mal bei der Polizei in München. Wirecard hieß damals noch anders und es ging um Sex – oder vielmehr um kostspielige Pornoseiten. Jedenfalls war das lange bevor der Schwindel im Sommer 2020 aufflog und bevor Wirecard 2018 als erstes FinTech-Unternehmen überhaupt in den Deutschen Aktienindex aufstieg. Das Unternehmen wuchs rasant, getrieben von vielleicht innovativen, oft undurchsichtigen Zahlungslösungen, wurde in den Himmel gelobt als Vorzeige-FinTech Deutschlands, bis der Absturz kam, Milliarden verschwanden und aus der Erfolgsgeschichte ein Skandal wurde, den die Öffentlichkeit vielleicht schon wieder vergessen hat, Gerichte aber immer noch aufrollen.

Der Mann im Schlabberpulli gehörte zu den ersten, die an der Wirecard-Erfolgsstory zweifelten. In tausenden Kommentaren und Forenbeiträgen auf dem Portal Wallstreet-Online, wo Trader und Analysten oder Kleinanleger in langen, detaillierten, zahlen- und chartverliebten Beiträgen über Aktien, Ratings, Unternehmensstrategien und manchmal völlig unverständliche Dinge diskutieren. Auf diesem Finanzportal war er unter dem Pseudonym »jigajig« unterwegs. Seinen richtigen Namen hält er bis heute geheim, weil er damals beschimpft, bedroht und sogar überwacht wurde. Und weil er weiß, wie absurd das klingt, mailt er nach dem Interview Belege: Screenshots, Links zu Beiträgen usw.

In vielen Dokumentationen und Filmen über den Wirecard-Skandal ist er zu einer Art Fixpunkt der Geschichte geworden. Wirecard ist seine Obsession, die mal mehr, mal weniger seine Familie, Freunde und seine eigene Gesundheit strapaziert, er ist eigentlich »Kindergärtner«, sagt er. Und Verbraucherschützer, der fürchtet, dass Geld und Macht oft ungestraft bleiben. Deshalb kommt er so oft wie möglich zu den Verhandlungen. Anders bekäme man kaum mit, was hier läuft.

Seit drei Jahren beobachtet er den Wirecard-Prozess, dessen Ausgang nach wie vor unklar ist. Obwohl das Verfahren aus »prozessökonomischen Gründen«, wie es heißt, verkleinert wurde und ursprünglich Ende 2025 abgeschlossen sein sollte, sind noch immer wichtige Fragen unbeantwortet. Die Beweisaufnahme wird sich bis in den Februar ziehen, das steht fest, und ein paar Anträge liegen noch in den Schubladen der Anwälte.

Das stresst »jigajig«, das kann man sehen. Er sitzt auf seinem Holzstuhl im Besucherbereich, streicht sich immer wieder über den Vollbart, schlägt ein Bein über das andere und stellt es zurück. Wie schon angedeutet, ist die Stimmung an diesem Dezembertag eigentlich einschläfernd. Man lässt den Richter machen – ein höflicher Mann, passend zur vornehmen Atmosphäre. Hier stehen reiche Leute vor Gericht, teilweise mit teuren Anwältinnen und Anwälten, und man merkt es. »Das läuft überhaupt nicht gut«, findet »jigajig«.

Ein Prozess mit offenem Ausgang

Immerhin sitzen Leute im Gefängnis. Markus Braun, der durch eine kleine Seitentür, die Gerichtssaal und JVA miteinander verbindet, rein- und rausgebracht wird, sieht verblüffenderweise nach fünf Jahren Untersuchungshaft immer noch genauso aus wie früher: der CEO von Wirecard. Dunkler Rollkragenpullover, gleichfarbiges Jackett, randlose Brille, kaum ein Zeichen von Verfall. Er sitzt hinten links, nicht auf einem Holzstuhl, sondern in einem Drehsessel, der seine steife Gelassenheit stützt, mit der er lange erfolgreich behauptete, alles sei ordnungsgemäß geprüft, alle Vorwürfe: ausgedacht.

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Jennifer Stange

Jennifer Stange schreibt Reportagen, ist Feature-Autorin und macht Podcasts. Oft geht es dabei um Fragen sozialer Gerechtigkeit und politischer Verantwortung von Unternehmen und Zukunftsthemen. Studiert hat sie Philosophie und Geschichte.

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