Yusif Sayigh (يوسف صايغ) war der prägende Ökonom einer Generation, in deren Lebenszeit sich Palästina tiefgreifend veränderte. Geboren 1916 im Osmanischen Reich, erlebte er die britische Kolonialherrschaft, die in der Staatsgründung Israels mündete und für die Palästinenserinnen und Palästinenser mit Vertreibung und Entrechtung einherging; den aufkeimenden arabischen Nationalismus und die palästinensische Nationalbewegung, die ineinandergriffen, sich nacheinander aufbäumten und scheiterten. Sayigh starb 2004, kurz nachdem die Hoffnung auf einen souveränen palästinensischen Staat in oder spätestens nach dem Friedensprozess von Oslo zerplatzt war.
Zeit seines Lebens versuchte Sayigh, programmatisch und praktisch, die Ökonomie als Werkzeug für den palästinensischen Kampf um Land, Existenz und Würde zu nutzen. Seine Werke verbinden heterodoxe Entwicklungsökonomie mit einem verzweifelten palästinensischen Nationalismus. Dabei arbeitete er akribisch empirisch. Er rechnete vor, quantifizierte und kreierte eigene Indikatoren, die in unzählige Memoranden und Berichte eingeflossen sind. Dass diese oft ignoriert wurden, entmutigte ihn zunächst nicht. Zentral verhandelt er das Verhältnis von ökonomischer und politischer Souveränität. Besonders prominent, im Westen jedoch weitgehend unbekannt, sind seine Analyse der systematischen Verunmöglichung ökonomischer Entwicklung in den von Israel besetzten Gebieten – eine These, die von Sara Roy unter dem Begriff »de-development« weiterbearbeitet und popularisiert wurde – sowie sein ambitionierter Entwicklungsplan, der in den 1990er Jahren den Weg zu einer unabhängigen palästinensischen Ökonomie hätte ebnen sollen. Trotz seines akademischen Erfolgs war er kein Elfenbeinturm-Intellektueller: Immer wieder beteiligte er sich an Versuchen, Organisationen aufzubauen, die zu staatlichen Institutionen heranwachsen und ökonomische Handlungsfähigkeit erhöhen sollten.

