Oliver Czerwinski sitzt an einem Schreibtisch, in seinem Kinderzimmer unter dem Dach. Hinter ihm hängen Poster aus einer anderen Welt: Figuren aus Computerspielen. Ein Hexer mit weißem Haar aus »The Witcher 3« zieht sein Schwert. Daneben ein übergroßes @-Zeichen aus Schaumstoff, Relikt aus einer Zeit, in der das Internet noch als grenzenloses Versprechen galt.
Seitdem hat sich vieles verschoben. Mit den Fortschritten der Künstlichen Intelligenz, spätestens seit dem Start von ChatGPT 2022, hat das Netz eine neue Zäsur erlebt. Algorithmen schreiben Texte, programmieren Code, erzeugen Bilder. Was lange als menschlich galt, wird automatisiert. Eine alte Frage stellt sich neu: Welche Jobs bleiben, welche verschwinden?
Czerwinski trägt die dunklen Haare ordentlich gescheitelt. Er sitzt in einem massiven Gaming-Stuhl, der aussieht, als wäre er aus einem Rennwagen ausgebaut worden. Vor ihm ein selbst zusammengebauter Tower-PC. Ein Mikrofon steht auf dem Schreibtisch, auf seinem Kopf sitzen große Kopfhörer. Alles ist bereit. Normalerweise taucht er hier stundenlang in die Gaming-Welt ein, löst Quests oder schreibt Codes.
In den vergangenen Monaten jedoch hat er vor allem Zeit mit einer grauen Excel-Tabelle verbracht. Darin aufgelistet: jede einzelne Bewerbung der letzten fünf Monate. Er scrollt langsam, Zeile für Zeile. Nummer 15: 01.08.2025, Absage am 22.08.2025. IT-Junior-Projektmanager, Konzern. Nummer 90: 19.10.2025, Absage am 28.10.2025. Junior IT-Consultant CCM & Output Management, Mittelstand. 126 Bewerbungen stehen in dieser Tabelle. Jede einzelne sorgfältig dokumentiert, als ließe sich aus der Struktur irgendwann doch noch ein Muster lesen oder ein Fehler finden.
Czerwinski ist Informatiker. Seine Masterarbeit hat der Achtundzwanzigjährige vor wenigen Wochen abgegeben. Noch vor ein paar Jahren wäre das der Moment gewesen, in dem der Arbeitsmarkt ihn eingesogen hätte. Hochqualifizierte Berufseinsteiger wie Oliver Czerwinski galten als Mangelware. Gerade Informatiker hatten oft mehrere Joboptionen, noch bevor sie ihr Studium abgeschlossen hatten. Einstiegsgehälter im oberen fünfstelligen Bereich, Homeoffice-Garantien, Weiterbildungsbudgets, Firmenwagen. Die Liste der Benefits war lang und die eigene Verhandlungsposition stark.
Doch diese Logik gilt nicht mehr. Heute füllen sich Internetforen und Subreddits mit Fragen wie: »Lohnt es sich überhaupt noch, in die Softwareentwicklung einzusteigen?«, »Jemand Lust auf Mindestlohn?« oder »Wie sicher ist eine Karriere im deutschen IT-Bereich?« Auf einem der beiden großen Bildschirme öffnet Oliver Czerwinski die Karriereplattformen. Routiniert klickt er sich durch die Filter: teilweise Homeoffice, Düsseldorf plus 50 Kilometer, Branche IT. Dann setzt er ein weiteres Häkchen. »Ganz besonders wichtig natürlich: ohne Berufserfahrung«, sagt er. Es wirkt zynisch. 283 Anzeigen erscheinen.
Beworben habe er sich auf fast alles, sagt er. Nur IT-Beratung nicht. Er blickt kurz auf, senkt dann den Blick wieder. »Der ganze Kundenkontakt ist nicht so meins.« Bei einer Anzeige bleibt er hängen: Anwendungsentwickler, Gehalt 34.000 bis 49.000 Euro. »Da würde ich mich bewerben«, sagt er. »Auch wenn finanziell mehr drin wäre.« In wenigen Sekunden hat er die Anzeige erfasst. »Keine explizite Einstiegsstelle, aber machbar.« Klassische Juniorstellen seien derzeit kaum noch zu finden, sagt Czerwinski.

Einstiegsjobs gehen zurück – ist KI der Grund?
Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie des Karriereportals Stepstone aus dem vergangenen Jahr. Die Stellen für Berufseinsteiger seien 2025 um 45 Prozent zurückgegangen. Für Czerwinski bedeutet das: Von zehn Anzeigen, auf die er sich vor zwei Jahren beworben hätte, bleiben heute vielleicht fünf. Und selbst darunter sind viele Positionen keine klassischen Einstiegsstellen mehr, sondern setzen bereits Berufserfahrung voraus. Gleichzeitig bleibt der Fachkräftemangel bestehen. Der demografische Wandel wird den Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren zusätzlich unter Druck setzen. Wer heute keinen Einstieg findet, wird morgen keine Fachkraft.
