Über 25 Jahre wurde verhandelt, nun ist es in Asunción, Paraguay, unterzeichnet worden: das Freihandelsabkommen zwischen der EU und der südamerikanischen Wirtschaftsorganisation Mercosur. In Europa gehen Landwirtinnen und Landwirte mit Traktoren auf die Straße, die deutsche Exportindustrie hingegen feiert das Abkommen. BDI-Hauptgeschäftsführerin Tanja Gönner bezeichnete es als »wichtigen Erfolg für die deutsche und europäische Wirtschaft«. Während die Interessen in Europa sichtbar auseinandergehen, bleibt weitgehend unbeachtet, welche wirtschaftlichen Folgen das Abkommen für die südamerikanischen Länder haben dürfte. Kurz gesagt: Es wird bestehende ungleiche Nord-Süd-Handelsbeziehungen eher verfestigen als aufbrechen.
Das Freihandelsabkommen soll den Handel zwischen Mercosur – Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay – und der EU fördern und Zölle auf über 90 Prozent der Exporte abbauen. Dadurch schafft es eine der größten Freihandelszonen der Welt. Dass sich die Verhandlungen über mehrere Jahrzehnte gestreckt haben, liegt an Asymmetrien und gegensätzlichen Interessen innerhalb und zwischen den Verhandlungsparteien. Die Mitgliedstaaten der Wirtschaftsgemeinschaft Mercosur sind als sogenannte Entwicklungs- und Schwellenländer wirtschaftlich weniger stark aufgestellt als die Länder der Europäischen Union. Die Wirtschaftsleistung des Mercosur beträgt 2,9 Billionen Euro pro Jahr, während die EU 17,9 Billionen aufweist. Auf den ersten Blick könnte man daher annehmen, dass Unternehmen aus dem Mercosur durch das Abkommen Zugang zu einem größeren Absatzmarkt erhalten und stärker profitieren als europäische Unternehmen. Dieser potenzielle Vorteil wird jedoch durch das große wirtschaftliche Gefälle zwischen den Vertragsparteien erheblich eingeschränkt: Der Handel zwischen den beiden Regionen ist nicht symmetrisch.
Ungleicher Handel
Mercosur-Staaten exportieren in die EU vor allem Agrarprodukte und unverarbeitete Metalle und Mineralien, die als Vorleistungen für europäische – insbesondere deutsche – Industrien dienen. Auf die Preise dieser Güter haben die Exportländer kaum Einfluss; sie werden häufig an internationalen Börsen festgelegt. Im Gegenzug importieren die Mercosur-Länder aus der EU vor allem Industriegüter und verarbeitete Lebensmittel. Damit reproduziert der Handel das klassische Terms-of-Trade-Dilemma, das seit der Kolonialzeit besteht: Der Süden exportiert preisvolatile Rohstoffe, der Norden hochwertige Industrieprodukte. Eine solche asymmetrische Handelsbeziehung führt zu einem weiteren Auseinanderdriften der Wirtschaftsleistung der beiden Regionen, da Industrieprodukte eine langfristige und andauernde wirtschaftliche Entwicklung ermöglichen. Im Gegensatz zu unverarbeiteten Rohstoffen weisen sie eine höhere Wertschöpfung in ihrer Produktion auf, schaffen mehr qualifizierte Arbeitsplätze und ihre Herstellung fördert technologische Innovation.
Mit Ausnahme Brasiliens exportieren die Mercosur-Länder mehr als 70 Prozent ihrer Industriegüter in andere Mercosur-Staaten. Der Anteil der Industriegüterexporte, der in die EU geht, ist vergleichsweise gering und reicht von 5,8 Prozent in Uruguay bis 12,7 Prozent in Brasilien. Ob sich dieser Marktzugang durch das Abkommen deutlich ausweiten lässt, ist fraglich. Solange die Industrieproduktion in Mercosur-Staaten auf Importe von Bauteilen wie Motoren und Triebwerken aus der EU und anderen Regionen angewiesen ist, laufen die Unternehmen Gefahr, gar nicht von dem Deal zu profitieren. Denn der Handel vieler Industrieprodukte ist dem Abkommen zufolge nur dann zollfrei, wenn sie zu einem Anteil von über 60 Prozent regional produziert worden sind. Entscheidend ist dabei, dass für Produzenten aus dem Mercosur Wertschöpfung innerhalb der EU nicht auf diese Quote angerechnet wird.
