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Das Wirtschaftsmagazin

Helene Bauer: Sozialisieren statt verstaatlichen

Die Austromarxistin Helene Bauer stritt für demokratische Sozialisierung. Sie war eine prägende Ökonomin des Roten Wiens. 

5 Minuten Lesedauer

Credit: Collage Surplus

»Wer’s sich leisten kann, der genieße, meint der liberale Herr Mises«. Diese Zeilen schrieb im Jahr 1923 eine Wiener Ökonomin. Gerichtet war ihre humorvolle Kritik an Ludwig von Mises, der in dieser Zeit ebenfalls in Wien wohnte und die Grundtheoreme des Neoliberalismus erfand. Helene Bauer war Herausgeberin eines der einflussreichsten sozialistischen Journale der Stadt. In Wien der Zwanziger kämpften Sozialistinnen und Sozialisten erbittert für die Rechte der Arbeitenden. Dabei herrschte ein großer Streit zwischen der österreichischen Schule der Nationalökonomie und den Austromarxisten. Bauer erhob regelmäßig ihre Stimme und unterstützte die umstrittenen Maßnahmen der Sozialisten. 

Bauer wurde in Krakau, Polen, in einer jüdischen, intellektuellen Familie geboren, die damals ein Teil der Österreichischen Monarchie war. Als Tochter eines Bibliotheksbesitzers hatte sie schon als Jugendliche Zugang zur französischen und deutschsprachigen Literatur. Die junge Frau sollte Lehrerin werden, scheiterte bei der Aufnahmeprüfung an der Akademie jedoch wegen »mangelnder Musikalität.« Dieser Umstand eröffnete ihr jedoch die Tür zu einer äußerst ungewöhnlichen Studienwahl für eine Frau jener Zeit: Staatswissenschaften und Ökonomie. Da Frauen in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie der Zugang zum Studium zu diesen Fächern noch verwehrt war, begab sie sich nach Zürich, um dort zu studieren. Sie promovierte anschließend zum Thema des Außenhandels in der Österreichischen Monarchie. Trotz vierfacher Mutterschaft schloss sie ihr Studium mit einer Promotion ab.

Als Publizistin in der Metropole Wien 

Wien war um 1900 eine pulsierende Metropole, die weltweit als Zentrum künstlerischer und intellektueller Strömungen der Belle Époque galt. Doch diese glitzernde Millionenstadt hatte auch eine Kehrseite. In den Elendsvierteln jenseits der Wiener Innenbezirke herrschte eine gnadenlose Ausbeutung der Arbeiter. In diesen Arbeitervierteln lebten die Familien oft zu zehnt in kleinen, unbeheizten Räumen, nicht selten ohne Fenster, wo sie oft in drei Schichten die Betten teilten. Die überhitzten Kneipen waren meistens die einzigen Orte zum Warmwerden, es herrschten Tuberkulose und Alkoholismus. Die extreme Ungleichheit war einer der Hauptpunkte, die die österreichischen Sozialistinnen jener Zeit attackierten und bekämpften. Eine zweite war das Problem der Ungleichheit der Machtverhältnisse zwischen verschiedenen Nationalitäten innerhalb der Monarchie, die ihre Grundlagen aushöhlte und schließlich zu ihrem Zerfall führte.

Helene Bauer beschäftigte sich um die Jahrhundertwende mit den Fragen der Wirtschaftsgeschichte und mit den Problemen der Regionalwirtschaft Polens innerhalb der Monarchie. Als gebürtige Polin schrieb sie zu dieser Zeit für die polnischen Zeitungen aus Wien. Die Wohnung von Helene Bauer, damals Helene Landau, fungierte als Salon, in dem die leitenden Intellektuellen der Sozialistischen Arbeiterpartei Österreichs verkehrten. Unter anderen besuchte auch der junge Otto Bauer, später einflussreichster Theoretiker der österreichischen Sozialdemokratie, den Salon. Helene Bauer sollte ihn später heiraten.

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