Im März deklarierte Trump: »You can call me the fertility president.« Währenddessen wetterte JD Vance nicht nur gegen Schwangerschaftsabbrüche, sondern plädierte auch für »mehr Babys«. Im selben Monat fand in Austin (Texas) die jährliche »Natal Conference« zum wiederholten Male statt. Als Rednerinnen und Redner waren das »Who is Who« der US-amerikanischen und britischen Rechten dabei, darunter neben Jack Posobiec auch der »Raw Egg Nationalist«, der diesen Namen nicht ironisch trägt: Charles Cornish-Dale propagiert als rechter Verschwörungstheoretiker nicht nur fragwürdige Diäten, sondern auch Pronatalismus.
In seinem Vortrag machte Cornish-Dale sich Sorgen um sinkende Testosteronwerte und dachte laut darüber nach, dass Kriege in der Vergangenheit Fertilitätsraten ankurbelten. Er endete mit dem Satz: »Ich weiß nicht, ob schon jemand Krieg als Mittel für reproduktive Erneuerung vorgeschlagen hat, aber ich stelle mich, wie immer, dafür zur Verfügung, einen ungewöhnlichen Vorschlag zu machen.«
Die Pronatalismusbewegung in den USA vereint bisher trotz großer Unterschiede konservative bis rechte Strömungen mit libertären Tech-Optimisten. Bei der Konferenz anwesend waren beispielsweise auch Simone und Malcolm Collins, das Paar, welches für seinen ideologischen und praktizierten Pronatalismus bekannt wurde – sie planen mindestens sieben Kinder. Sie verstehen sich als »Techno-Puritans«, grenzen sich von Konservativen ab, und sind bestens in libertären Tech-Kreisen vernetzt: Simone arbeitete mit Peter Thiel zusammen, der ebenfalls für höhere Geburtenraten plädiert, und Malcolms Bruder stand Musk im DOGE-Ministerium zur Seite. Musk selbst retweetete 2024 ein Video von Kevin Dolans Rede bei der Natal Conference 2023 mit dem Satz: »If birth rates continue to plummet, human civilization will end.«
»We are sitting on the bubble of all bubbles«
Kevin Dolan fasst die Sorgen des Kapitals so zusammen: Das globale Finanzsystem, und damit, so adressierte er die Anwesenden direkt, »the value of your money, and every asset you might buy«, ist von Wachstum abhängig. Zu diesem nötigen Wachstum gehöre auch Bevölkerungswachstum. Seine Schlussfolgerung: Der Geburtenrückgang in »entwickelten Ländern« bedeute, dass wir »auf der Bubble aller Bubbles sitzen«. Kapitalisten fürchten also nicht nur eine ökonomische Bubble, die zu einem Börsencrash führen könnte, sondern stilisieren den, in Musks Worten, »Populationskollaps« als gefährlicher als die Klimakrise. Die Sorge dahinter: ein Mangel an willigen Arbeitenden und Konsumentinnen und, wie nun auch Stimmen aus dem Militär kommen, an Soldaten.
Gegen Kommunismus, Ludditen und für mehr Babies
Die Antwort? Für Silicon Valleys pronatalistische Tech-Bros wie Elon Musk, Peter Thiel (Paypal & Palantir), Jaan Tallinn (Skype), Sam Altman (OpenAI) und Brian Armstrong (Coinbase) liegt sie in höheren Geburtenraten. Im Gegensatz zur konservativen Bewegung rund um das »Project2025« und rechten Influencern, wie sie auf der Natal Conference anzutreffen waren, welche Reproduktionstechnologien größtenteils ablehnen, setzen sie sich für Tech-Fixes ein: Reproduktive Technologien werden nicht nur selbst genutzt, sondern auch aktiv finanziell gefördert.
Wie zentral Pronatalismus für das libertäre Projekt ist, verdeutlicht das »Techno-Optimist Manifesto« des Milliardärs Marc L. Andreessen. Sich auf Friedrich Hayek und Milton Friedman beziehend, argumentiert er nicht nur für freie Märkte und einen absoluten Glauben an technologischen Fortschritt: Die »Techno-Capital Machine« könne sich nicht nur gegen Kommunisten und Ludditen wehren und »abundance« kreieren – sondern er argumentiert auch für mehr Babys. Der erklärte Feind sind ganz generell »Entschleunigung, Degrowth, Depopulation«. Dahinter steckt die techno-futuristische Idee, die auch Elon Musk antreibt: Laut Andreessen sollte die Population auf 50 Milliarden Menschen und noch mehr ansteigen, »as we ultimately settle other planets.«
Im Gewand des Techno-Optimismus bekommt Pronatalismus also einen neuen Anstrich, der sich seltener einer offen-rassistischen Sprache bedient, und dennoch Töne von Konservativen und Rechten hin und wieder einmischt. Letztere fürchten wahlweise einen Bevölkerungsaustausch, den »Great Replacement« – die Verschwörungstheorie, dass weiße US-Amerikanerinnen und -Amerikaner mithilfe der Linken und Liberalen durch Migration und höhere Geburtenraten von BIPoC ersetzt werden – oder ganz generell die Linke. Jack Posobiec spricht beispielsweise bei der Natal Conference davon, dass »Woke« ihren Tod wollen. Ihr Pronatalismus ist deshalb – abhängig von der Strömung und mal mehr und mal weniger offen ausgedrückt – selektiv: Er wendet sich primär an heterosexuelle weiße US-Amerikanerinnen. Libertäre Eliten basieren ihre Argumente hingegen vor allem auf (vermeintlichen) Daten und Fakten rund um Geburtenrückgänge und Wachstumsprognosen im Kontext hyperrationaler utilitaristischer Ideologien wie Longtermism. Sie sehen deshalb primär wirtschaftliche Gründe für Pronatalismus – aber auch ihre Version davon ist selektiv.
»Have healthy babies«
»We will never choose a child that is less privileged in IQ than either of us«, deklarierten beispielsweise die Collinses mit Blick auf die genomische Analyse ihrer Embryonen für das nächste Kind. Damit wenden sie sich dezidiert von dem konservativ bis rechten Teil der pronatalistischen Bewegung ab, der sich größtenteils gegen genetische Selektion ausspricht.
