Eine Weltwirtschaft in der Krise. Fabriken schließen, Millionen sind ohne Arbeit, und die politischen Antworten schwanken zwischen hilfloser Austerität und aggressivem Protektionismus. Internationale Organisationen können dem steigenden Wirtschaftsnationalismus nichts entgegensetzen. Der Glaube an die Selbstregulierungskräfte des Marktes ist tief erschüttert. Es ist nicht 2026, sondern der Februar vor genau 90 Jahren, als der britische Ökonom John Maynard Keynes ein Buch vorlegt, das die Geschichte in ein vorher und in ein nachher teilt: Die Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes – bekannter als die General Theory.
Die Allgemeine Theorie ist ein schwieriger Text, in dem philosophische Gedankengänge neben mathematischen Gleichungen stehen. Er ist geprägt von Keynes’ Ringen um eine realistische und relevante Ökonomik, die zur Lösung drängender gesellschaftlicher Probleme beitragen kann. Dafür unterzog er die Wirtschaftswissenschaft seiner Zeit, in der er selbst ausgebildet wurde, einer Fundamentalkritik. Wie er im Vorwort schrieb, lag »die Schwierigkeit nicht in den neuen Gedanken, als in der Befreiung von den alten, die sich bei allen, die so erzogen wurden, bis in den letzten Winkel ihres Geistes verzweigen.« Genau dieser Zwiespalt zwischen alten und neuen Ideen machte die Allgemeine Theorie zu einem Bezugspunkt sowohl des Mainstreams, als auch radikalerer Denkströmungen, die sich seitdem darum streiten, wer das wahre Erbe von Keynes vertritt. Grund genug also, uns zum Jubiläum mit dem Werk, seiner Entstehung und Rezeption zu beschäftigen.
Die Große Depression
Die Krise seiner Zeit brach am 25. Oktober 1929 aus, der als Schwarzer Freitag in die Geschichte einging. An der Wall Street rauschten Aktienkurse derart in die Tiefe, dass eine Panik ausbrach, die innerhalb kurzer Zeit das gesamte internationale Finanzsystem ergriff. Anfangs war Keynes noch zuversichtlich, dass es sich um eine vorübergehende Störung handele, doch dieser Optimismus wurde mit jedem weiteren Tag von einer wachsenden Depression verdrängt. Ab 1931 verließ ein Land nach dem anderen den Goldstandard und zog die Zollschranken hoch. Der internationale Handel wurde wie in einem Abwärtsstrudel in die Tiefe gerissen. Die Welt, wie sie bis dahin bekannt war, war am Ende.
Keynes musste trotz vieler öffentlicher Beiträge im Rahmen des Macmillan Committee mit ansehen, wie Regierung nach Regierung seine Ratschläge ignorierte und damit die Krise verschärfte. Für ihn war offensichtlich, dass der Markt sich nicht selbst regulieren würde. Arbeitskräfte wurden nicht genutzt und produktive Kapazitäten lagen brach, nicht etwa weil Ressourcen fehlten, sondern weil nicht produziert werden durfte – aufgrund eines Mangels an Geld.
Bereits in Vom Gelde (1930) machte Keynes sein berühmtes Argument für schuldenfinanzierte Staatsausgaben in der Krise, um den Einbruch der Nachfrage zu kompensieren, aber er fand noch kein Gehör. Um seine wirtschaftspolitischen Vorschläge durchzusetzen, brauchte es mehr als kritische Kommentare: Es brauchte eine theoretische Fundierung.
Das Irrlichtern des Mainstreams
Die herrschende Lehrmeinung, vertreten durch Koryphäen der Volkswirtschaftslehre wie Joseph Schumpeter und Friedrich August von Hayek, vertraute auf die Selbstregulierung des Marktes. Krisen seien eine Gelegenheit zur »Bereinigung« des Marktes von unproduktiven Unternehmen. Staatliche Interventionen würden diesen Prozess nur verzögern und verzerren und seien deshalb abzulehnen. Im gleichen Zuge wurden oft die Arbeiter für den Abschwung verantwortlich gemacht, weil sie sich dagegen wehrten, dass ihre Löhne fielen. Würden sie ihre Lohnforderungen nach unten schrauben, könne der Markt wieder ins Gleichgewicht finden, in dem Vollbeschäftigung herrsche. Schließlich gelte, dass jedes Angebot sich seine eigene Nachfrage schaffe. Per Definition waren Krisen der Überproduktion beziehungsweise des Unterkonsums ausgeschlossen. Doch je länger die Krise anhielt, desto mehr geriet dieser Glaube ins Wanken.
Es brauchte allerdings eine neue Theorie, um die alte zu ersetzen, und so machte sich Keynes ans Werk. Der Starökonom hatte sich an der Universität eine große und treue Gefolgschaft aufgebaut. In seinem Cambridge Circus, einer informellen Gruppe, versammelten sich einige der herausragenden Ökonominnen und Ökonomen der Zeit, darunter Joan Robinson und Piero Sraffa. Sie diskutierten und kritisierten Keynes’ Vorschläge jahrelang und trugen so maßgeblich zur Entwicklung der Allgemeinen Theorie bei. Der Student Michael Straight berichtet über die aufregende Atmosphäre dieser Zeit:
Der größte Hörsaal in Cambridge war überfüllt, als Keynes in einer Reihe von Vorträgen die Grundsätze seiner Allgemeinen Theorie darlegte. Es war, als würden wir Charles Darwin oder Isaac Newton zuhören. Das Publikum saß in gespannter Stille da, während Keynes sprach. Danach wurde er in kleinen Kreisen leidenschaftlich verteidigt und heftig angegriffen.
Die Allgemeine Theorie
Die Allgemeine Theorie ist ein Buch, das eine ganze Epoche prägte und die Makroökonomie als eigenständiges Untersuchungsobjekt etablierte. In 24 Kapiteln über sechs Abschnitte entwickelt Keynes eine Fundamentalkritik an der ökonomischen Orthodoxie und führt mehrere wegweisende Konzepte ein, allen voran das Prinzip der monetären Produktion und der effektiven Nachfrage. Anstelle von Knappheit erscheint mit Keynes die Ungleichheit als grundlegendes Übel der modernen kapitalistischen Gesellschaft. Die politische, ökonomische und sogar moralische Tragweite dieser Neudefinition des ökonomischen Problems ist enorm und kann hier nur angedeutet werden.
