Josef Schumpeter gehört zu den Stars der Wirtschaftswissenschaften. Seine Metapher von der »schöpferischen Zerstörung« muss immer wieder dafür herhalten, dass in Krisenzeiten Opfer gebracht werden sollen. Schumpeter zielte dabei vor allem auf Unternehmen, die nicht in der Lage waren, den Umstieg auf neue Technologien, Prozesse und Produkte vorzunehmen: Sie mussten und sie sollten in Konkurs gehen, damit Innovationen einen neuen Aufschwung einleiten konnten. Der innovative Unternehmer bildete den Kern von Schumpeters Kapitalismusverständnis. Der betriebswirtschaftliche Zyklus vom unternehmerischen Aufstieg, dem Niedergang durch schwindende Renditen und die Erholung durch einen neuen Wachstumsschub ist der Dreh- und Angelpunkt seiner dynamischen Wirtschaftstheorie. Er übertrug das Prinzip des Zyklus vom
betriebswirtschaftlichen Geschehen auf die Funktionsweise des Kapitalismus. Der Kapitalismus ist Schumpeter zufolge eine instabile, durch Ungleichheit geprägte Wirtschaftsweise. Sie ist wie keine andere in der Lage, die aus ihren Erfolgen erwachsenden Krisen durch innovative Arrangements in einen erneuten Wohlstand zu verwandeln. Die von den Kahlschlägen betroffenen Betriebe und ihre Beschäftigten spielen dabei ebenso wenig eine Rolle wie die Menschen in nicht-westlichen Weltregionen, die den Industrien der Zentren Rohstoffe und Nahrungsmittel liefern.
Schumpeters Thesen, 1939 im Buch Konjunkturzyklen publiziert, bauten auf der Theorie der langen Wellen der Konjunktur auf, die in den 1920er Jahren vom russischen Ökonomen Nikolai Kondratjew entwickelt worden war. Sein Zyklusmodell zeichnete sich durch eine rund 50-jährige Dauer aus, die Phasen von Prosperität, Rezession, Depression und Erholung durchlief. Seit Ende des 18. Jahrhunderts, als die Industrielle Revolution die Zyklen des Ancien Regime durchbrach, beobachten wir Kondratjew zufolge fünf derartige Wellen. Diese gehen mit Neuerungen der Technik in einem Leitsektor einher und werden von Veränderungen des Arbeitsregimes – bis hin zum Politikstil – begleitet. Die Zyklen betreffen den (1) Baumwoll-, den (2) Eisenbahn-, den (3) Chemie-Elektrizitäts-, den (4) Automobil- und (5) den Informations- und Kommunikationssektor, der 2008 in die Depression kippte. Die Krisen – 1820, 1873, 1929, 1973 und 2008 – erfassten jeweils die ganze Weltwirtschaft. Danach setzte die Suche nach neuen Grundlagen des Wachstums ein, wie wir es derzeit in Hinblick auf den Pharma-Biotech-Komplex beobachten, der mithilfe der Datenextraktion ein digitales Zeitalter mit neuen Formen der Künstlichen Intelligenz und der Mensch-Maschine-Koppelung einleitet. Schumpeter starb mit Anbruch der vierten, sogenannten »Kondratieff A (=Aufschwungphase)«.

Der Südböhme
Weniger bekannt ist, dass Schumpeter aus einer katholischen deutsch-tschechischen Familie aus Třešť (deutsch: Triesch) stammt. Seine Vorfahren waren in der Textilproduktion tätig und stellten im Laufe der Jahrhunderte immer wieder den Bürgermeister ihrer Gemeinde. Im 18. Jahrhundert lieferten sie Uniformen für die kaiserliche Armee der Habsburgermonarchie, im 19. Jahrhundert produzierten sie Stoffe für das Osmanische Reich. Zusammen mit Salomon Münch betrieben sie eine Textilfabrik in Serbien. Das zweisprachige Milieu der südböhmischen Kleinstadt mit einem beträchtlichen Anteil jüdischer Händler und Fabrikanten bestimmte Schumpeters frühe Kindheit. Hochzeiten zwischen Deutschen und Tschechen waren weit verbreitet. Auch in der Familie Schumpeter pflegte man die Zweisprachigkeit – ein idealer Nährboden für den späteren Fremdsprachenerwerb des kleinen Joseph Alois. Nach dem frühen Tod des Vaters übersiedelte die Mutter nach Graz und Wien, durch die Heirat mit einem Adeligen bekam Alois Zutritt zu aristokratischen Gesellschaftskreisen, besuchte das prestigereiche Theresianum in Wien und genoss einen standesgemäß-luxuriösen Lebensstil. Das Geburtshaus Schumpeters gelangte 1989 an die Stadt Třešť.
Der Professor
