Lukas Scholle: Sie sind einer der bekanntesten Umverteilungsbefürworter. Gehen Sie davon aus, dass Künstliche Intelligenz die Ungleichheit verschärfen oder sie reduzieren wird?
Gabriel Zucman: Das Hauptproblem mit KI ist, dass Wissen angeeignet wird, das von der gesamten Menschheit über Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende hinweg kollektiv angesammelt wurde. KI-Unternehmen verlangen Gebühren für den Zugang zu diesem von anderen produzierten Wissen. Dies geschieht oft ohne jegliche Transparenz darüber, woher die Informationen stammen oder auf welche Quellen sich die KI-Systeme stützen. Das wirft ein bedeutendes Problem auf: Diese Modelle basieren auf kollektiv geschaffenem Wissen, doch die erzielten Gewinne werden nur von einigen wenigen Aktionären eingefahren. Das ist kaum hinnehmbar. KI kann sicherlich eine nützliche Technologie sein. Sie kann die Produktivität der Menschen steigern. Die entscheidende Frage lautet aber: Wer profitiert davon?
Das Einkommen könnte also von der Arbeit zum Kapital umverteilt werden.
Ja, das ist eine reale Möglichkeit – und eine sehr ernste Sache. Es muss aber nicht zwangsläufig ein Problem sein. Wenn beispielsweise alle zu gleichen Teilen Anteilseigner eines großen öffentlichen Fonds wären, der KI-Unternehmen und KI-Technologien besitzt, wäre selbst eine Erhöhung des Gewinnanteils bei gleichzeitigem Rückgang des Arbeitsanteils nicht problematisch. Wenn wir alle diese Gewinne zu gleichen Teilen erhalten würden, wäre das eine gute Sache.
Letztlich hängt alles davon ab, wer Eigentümer der KI ist und wer die damit erwirtschafteten Dividenden erhält. Wenn wir Technologien entwickeln, die einen erheblichen Teil der menschlichen Arbeit ersetzen und es den Menschen ermöglichen, mehr Zeit mit ihren Familien, Freunden, Nachbarschaften, gemeinnützigen Organisationen und allgemein im bürgerlichen Leben zu verbringen, wäre das ein sehr positives Ergebnis. Das kann durchaus funktionieren, wenn die Vorteile der KI – und ihre Gewinne – gleichmäßig verteilt werden.
Wenn jedoch, wie es heute weitgehend der Fall ist, diese Gewinne in extrem konzentrierter Form einer kleinen Zahl von Milliardären zukommen, ist das die ungünstigste Verteilung von Wohlstand. KI könnte also zum besten aller möglichen Ergebnisse führen – oder zum schlechtesten. Leider ist die derzeit vorherrschende Verteilung alles andere als zufriedenstellend.
Sie sprechen sich für eine Umverteilung aus, bei der Milliardäre Geld an den Staat abgeben, aber nicht das Kapital an sich umverteilt wird. Was ist Ihr Ansatz?
Beispielsweise geben viele Milliardäre an, dass sie nur ein geringes oder gar kein steuerpflichtiges Einkommen haben. In diesem Fall könnten Steuern über Aktien ihrer Unternehmen gezahlt werden. Im Laufe der Zeit könnte so etwas wie ein Staatsfonds entstehen, wobei die Regierung Anteilseigner bestimmter Unternehmen würde. Das ist bereits in vielen Ländern der Fall. Diese Idee ist also keineswegs revolutionär. Sie würde lediglich eine progressive Vermögenssteuer ergänzen.
