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Das Wirtschaftsmagazin

Der Rüstungsboom hilft nicht aus der Stagnation

Immer wieder keimt die Hoffnung auf, dass der Rüstungsboom die Wirtschaft retten werde. Diese Hoffnung wird sich als Trugschluss erweisen.

4 Minuten Lesedauer

Die Produktion von Waffen wird die deutsche Wirtschaft nicht retten (Symbolbild). Credit: IMAGO/Noah Wedel

In den vergangenen beiden Jahren gingen in der Industrie jeden Monat 10.000 Arbeitsplätze verloren. Die Industrieproduktion ist seit Langem kontinuierlich rückläufig, die Auftragseingänge stagnieren auf dem niedrigen Niveau der frühen 2010er Jahre, als die deutsche Wirtschaft durch die Schwäche im Euroraum kein Wachstum verzeichnete. Die Meldungen von Produktionsauslagerungen, Werksschließungen und weiterem Stellenabbau häufen sich.

Der einzige Hoffnungsschimmer aus Sicht vieler Politiker, Journalisten und Unternehmen ist die Rüstungsindustrie. Die Nachfrage boomt, die Kapazitäten sind ausgelastet, ein Ende des Aufschwungs ist nicht in Sicht. Über die kommenden Jahre hinweg sind die Auftragsbücher üppig gefüllt. Der Bau und die Eröffnung neuer Fabriken machen Schlagzeilen. Viele Unternehmen, denen die Nachfrage weggebrochen ist, drängen in den Sektor und versuchen, von dem Boom zu profitieren. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist das verständlich, denn die Alternativen sind mangels ausbleibender Nachfrage und hoher Unsicherheiten mau. Volkswirtschaftlich hingegen ist diese Hoffnung auf Sand gebaut.

Rahmenbedingungen

Die Politik hat dafür auf europäischer, wie auf nationaler Ebene die Weichen gestellt, dass es keine fiskalpolitischen Grenzen für Rüstungsausgaben gibt. Die Bereichsausnahme für Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse wird die Ausgaben in dem Bereich von etwa 100 Milliarden im kommenden Jahr auf über 150 Milliarden im Jahr 2029 ansteigen lassen. Ökonomen, die sonst bei jedem Euro Staatsausgaben vor den Risiken für die fiskalische Tragfähigkeit warnen, stellen sich größtenteils hinter die unbegrenzten Ausgaben für die Verteidigung. Auswirkungen auf die Inflation, höhere Belastungen durch zukünftige Steuern, die Abneigung gegenüber industriepolitischen Interventionen, die Gefährdung der Generationengerechtigkeit – all die Gesetze der marktliberalen Ökonomik gelten nicht für die Rüstungsausgaben. 

Die große Frage, die viele Journalisten und auch die Öffentlichkeit umtreibt, ist, inwiefern der Boom in der Rüstungsindustrie die Nachfrageschwäche in der Industrie und Wirtschaft insgesamt auffangen kann. Schließlich werden wichtige Grundstoffe nachgefragt werden, der Maschinenbau wird von der Aufrüstung profitieren und Beschäftigte, die ihre Anstellung verlieren, hoffen möglicherweise, in der Rüstungsindustrie unterzukommen. 

Die Empirie mahnt zur Vorsicht

Vor einigen Monaten haben Tom Krebs und ich die Literatur über die wirtschaftlichen Auswirkungen von Rüstungsausgaben untersucht. Der Blick in die Literatur fällt entsprechend ernüchternd aus. Unsere Studie zeigt, dass der kurzfristige Fiskalmultiplikator militärischer Ausgaben für Deutschland bei höchstens 0,5 liegt – und möglicherweise sogar darunter liegen wird. Mit anderen Worten: Ein zusätzlicher Euro für die Rüstungsindustrie wird bestenfalls 50 Cent zusätzliche gesamtwirtschaftliche Produktion erzeugen. Bei Ausgaben in die öffentliche Infrastruktur liegt der Fiskalmultiplikator bei 2, bei der Bildungsinfrastruktur sogar bei 3. Militärausgaben sind damit ausgesprochen ineffizient.

Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Zunächst sind die Kapazitäten im Rüstungssektor bereits heute weitgehend ausgelastet, sodass zusätzliche Nachfrage vor allem in die Preise geht. Die Entwicklung der Aktienkurse und Dividenden unterstützt diese Prognose, da die Finanzinvestoren in Zukunft erhebliche Gewinnsteigerungen erwarten. Zweitens wird ein nicht unerheblicher Teil der Wertschöpfung im Ausland generiert: Zwischen 2020 und 2024 gingen lediglich die Hälfte (48 Prozent) der deutschen Rüstungsaufträge an inländische Hersteller, etwas mehr als ein Drittel (35 Prozent) an multinationale Kooperationen und fast ein Fünftel (17 Prozent) vollständig ins Ausland, vor allem in die USA. Drittens kommt hinzu, dass die Verteidigungsausgaben stark konsumintensiv sind: Über 60 Prozent entfielen in der Vergangenheit auf Personal, Unterhalt, Versorgung und Verwaltung, während militärische Beschaffungen im Regelfall lediglich 10 bis 15 Prozent ausmachten. Selbst unter Verwendung eines erweiterten Investitionsbegriffs erreichen investive Ausgaben im Verteidigungsbereich in der Regel nur 20 bis 30 Prozent. Der Anteil der forschungs- und entwicklungsorientierten Ausgaben ist ebenfalls gering. 2024 entfielen lediglich 1,1 Prozent des Verteidigungsetats auf Forschung und Entwicklung, sodass kaum produktivitätswirksame Spillover-Effekte zu erwarten sind. 

Die Größe der Rüstungsindustrie 

Dass die Rüstungsindustrie boomt und medial überall präsent ist, erweckt einen falschen Eindruck über ihre tatsächliche Größe. Setzt man die Industrie nämlich in Relation zum gesamten verarbeitenden Gewerbe und zur Beschäftigung in den Produktionshallen, wird ersichtlich, dass der Sektor viel zu klein ist, um die massiven Verluste in der Industrie aufzufangen.

Trotz erheblicher Intransparenz bei den Strukturdaten, da zentrale Produktions- und Preisreihen aus »sicherheitspolitischen Gründen« nicht veröffentlicht werden, lassen die Zahlen, die öffentlich verfügbar sind, nur stark relativierende Schlüsse zu. So stieg laut Bundesagentur für Arbeit die Zahl der Beschäftigten zwischen 2015 und 2024 zwar um 50 Prozent, beläuft sich nominal allerdings auf nur 17.000 Mitarbeitende (9.000 Beschäftigte bei der Herstellung von Waffen und Munition und 8.000 in der Herstellung militärischer Kampffahrzeuge).

Zum Vergleich: Im verarbeitenden Gewerbe in Deutschland sind insgesamt etwa 5,5 Millionen Beschäftigte tätig. Untersektoren, die sich in einer ähnlichen Größenordnung bewegen wie die Rüstungsindustrie, sind unter anderem Schlachtbetriebe von Geflügel, die 17.500 Personen beschäftigen, Hersteller von Fertiggerichten (17.800 Personen), Bier (23.000 Personen), Haushalts- und Hygieneartikeln (15.000 Personen), Schrauben und Nieten (17.600 Personen) oder von Küchenmöbeln (18.100). Selbst das Spielwarengeschäft in Deutschland – mit Produktion (8.300) und Handel (15.200) – ist in der Summe größer als die direkte Beschäftigung im Rüstungssektor in den Industriefabriken. Der Branchenverband der Rüstung gibt nun an, dass die tatsächliche Beschäftigung deutlich höher liegt. Berücksichtigt man in der Beschäftigungszahl auch Zulieferer, Dienstleister, Zeit- und Leiharbeiter, Forschungseinrichtungen sowie Unternehmen, die sowohl militärische als auch zivile Komponenten fertigen, steigt die Anzahl auf über 135.000 Beschäftigte. Diese Zahl umfasst jedoch einen weit gefassten Industriekreis, in dem der militärische Anteil häufig nur einen Teil (teilweise auch nur einen sehr geringen Anteil) der jeweiligen Wertschöpfung ausmacht. 

Selbst bei der sehr weit gefassten Definition der Industrie, die deutlich über die tatsächliche Beschäftigung hinausgeht, wird ersichtlich, dass der Rüstungssektor allein die deutsche Industrie kurzfristig nicht aus der Krise wird führen können. Mittel- bis langfristig ist die Einschätzung natürlich eine andere. Doch selbst wenn sich die Industriestrukturen insofern ändern, dass Beschäftigung, Umsätze und Bruttowertschöpfung im Rüstungssektor einen bedeutenden Anteil an der Gesamtwirtschaft ausmachen, wäre es fraglich, ob dies gesamtwirtschaftlich von Vorteil wäre. Denn ein Ausbau des Rüstungssektors bindet reale Ressourcen: Fachkräfte, Produktionskapazitäten und Investitionsmittel fehlen dann in Bereichen, die für die Modernisierung der Wirtschaft zentral sind, etwa bei erneuerbaren Energien, Netzinfrastruktur, Batterietechnologien, Gebäudesanierung, industrieller Digitalisierung und ziviler Anwendung von Künstlicher Intelligenz (KI).

Solche Verlagerungen führen zu realen Trade-offs, deren Auswirkungen sich bereits zeigen. Ein größerer militärischer Sektor könnte damit nicht nur andere Zukunftsbranchen verdrängen, sondern auch die langfristige Produktivitäts- und Innovationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft schwächen, wenn die für das 21. Jahrhundert wesentlichen Sektoren vernachlässigt werden.

Patrick Kaczmarczyk

Dr. Patrick Kaczmarczyk ist Ökonom an der Universität Mannheim und Redakteur bei Surplus.

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