Unternehmen erwarten von KI riesige Produktivitätsgewinne. Wieso diese schwer zu realisieren sind und weshalb Arbeitskräfte auch in Zukunft stark nachgefragt werden, erklärt Florian Butollo, Soziologieprofessor mit dem Schwerpunkt Digitale Transformation und Arbeit, im Interview.
Xenia Miller: KI wird wahrscheinlich Arbeitsplätze ersetzen. Gleichzeitig haben wir einen Arbeitskräftemangel. Wie wird sich der Arbeitsmarkt entwickeln?
Florian Butollo: In der gesellschaftspolitischen Debatte und auch in der kritischen Ökonomie ist noch gar nicht angekommen, wie radikal sich die Vorzeichen auf dem Arbeitsmarkt ändern: Vorherrschend war jahrelang die Annahme, dass immer mehr Arbeitslosigkeit entsteht, je länger der Kapitalismus existiert. Was wir jetzt aber erleben, ist ziemlich genau das Gegenteil. Es gibt nämlich ein steigendes Beschäftigungsvolumen und Arbeitskräfteknappheit. Das hängt damit zusammen, dass es zeitgleich zur Automatisierung auch immer Prozesse von Komplexitätssteigerung und Beschleunigung gibt. Produkte werden komplexer und vielfältiger und es wird immer mehr Aufwand betrieben, um mehr Absatz zu generieren.
Und der demografische Wandel wirkt sich ebenfalls tiefgreifend aus?
Ja, denn der Bedarf an Care-Arbeit nimmt in einer alternden Gesellschaft zu. Das ist der wesentliche Grund dafür, dass die Beschäftigung in den letzten Jahren expandiert ist und das Arbeitsvolumen, in Stunden gemessen, in den OECD-Staaten deutlich zugenommen hat. Wenn nun aber die Beschäftigung zunimmt oder zumindest nicht radikal abnimmt und gleichzeitig aufgrund des demografischen Wandels sehr viel weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, dann kommt es zu struktureller Arbeitskräfteknappheit. Die derzeitigen Diskussionen über den Fachkräftemangel sind erst ein Vorbote einer viel radikaleren Entwicklung. KI wird als die große Hoffnung ins Feld geführt, dieses Dilemma aufzulösen. Da bin ich allerdings skeptisch, weil ich bisher wenig Anzeichen dafür sehe, dass wir wirklich Substitution von Arbeit in größerem Ausmaß erleben.
Wir arbeiten nicht mehr 70 Stunden die Woche, aber wir arbeiten auch nicht, wie Keynes prognostiziert hat, nur 15 Stunden die Woche – trotz technologischem Fortschritt und Produktivitätssteigerungen. Könnte sich dies verändern, wenn es in Zukunft eine steigende Nachfrage nach Arbeitskräften gibt?
Die Verhandlungsposition der Beschäftigten wird tendenziell besser im Vergleich zu einer Situation, in der Massenarbeitslosigkeit existiert und die Menschen ständige Angst vor sozialem Abstieg haben. Weitere Arbeitszeitverkürzung würde allerdings erfordern, dass wir die Beschleunigungs- und Wachstumsspirale im Kapitalismus in den Griff bekommen, die bisher immer dafür verantwortlich war, dass neue Arbeit erforderlich wurde. In den bisherigen Prognosen zu technologischer Arbeitslosigkeit wurde das übersehen: Auch bei Keynes wird Kapitalismus zu statisch gedacht. Man schaut sich an, welche Tätigkeiten es jetzt gibt, was die Technik theoretisch machen könnte, und daraus errechnet man, dass wir alle weniger arbeiten könnten. Ja, es wäre möglich, durch Rationalisierung Gewinne für die Menschen, für Freizeit, für ein besseres Leben zu realisieren – wenn wir eine Ökonomie hätten, die weniger auf dem Selbstzweck der Beschleunigung und des Wachstums beruht.
Der inhärente Zwang des Kapitalismus nach neuen Sphären der Wertschöpfung wird Produktivitätsgewinne also immer wieder ausgleichen.
Genau! In den USA findet über die Hälfte der Tätigkeiten in Berufsfeldern statt, die es 1940 noch nicht einmal gegeben hat. Die IT-Industrie gab es 1950 noch gar nicht wirklich, heute arbeiten dort 1,5 Millionen Menschen in Deutschland. Wir sehen eine zunehmende Komplexität der Arbeitsteilung, eine zunehmende Vielschichtigkeit. Zu den bisherigen Tätigkeiten und Sektoren kommen neue, zusätzliche Aufgaben hinzu. Das sieht man auch innerhalb einzelner Sektoren: Die Autoindustrie ist die Branche, in der am stärksten automatisiert wurde. Aber zumindest bis vor ein paar Jahren hat das Beschäftigungsvolumen in Deutschland, den USA und Japan gar nicht abgenommen, weil die Produkte, Produktionsprozesse und Wertschöpfungsketten immer komplexer wurden. Arbeit, die durch Automatisierung eingespart wurde, ist an anderer Stelle neu entstanden. Ich nenne die Ursachen für die Entstehung neuer Arbeit trotz Automatisierung »Rebound-Effekte zur Automatisierung«. Diese bremsen die erhofften Einsparungen von Arbeit aus.
Darunter fassen Sie auch die ökologische Transformation.
Ja. Die ökologische Transformation erfordert einen Umbau unserer Infrastrukturen und Gesellschaften, der arbeitsintensiv ist. Ein ganz plakatives Beispiel: die berühmten Wärmepumpen. Es ist ein Riesenaufwand, diese privaten Infrastrukturen überall umzubauen, dafür fehlen mehrere 10.000 Facharbeiterinnen und Facharbeiter.

