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Das Wirtschaftsmagazin

Der große Hebel für mehr Geschlechtergerechtigkeit

Ein Frauenstreik wäre ein geeignetes Mittel, um für mehr Geschlechtergerechtigkeit zu streiten, meint Bettina Kohlrausch.

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Frauenstreik in Zürich. Credit: IMAGO / 20 Minuten

Ist es auch in Deutschland Zeit für einen Frauenstreik? Würden Frauen ihre Arbeit – vor allem ihre unbezahlte Sorgearbeit – niederlegen, wäre das ein sehr effizienter Weg, um bestehende Geschlechterungleichheiten ins Wanken zu bringen. Ohne unbezahlte Sorgearbeit wäre die lohnförmige Organisation von Erwerbsarbeit, deren zeitliche Taktung entlang des Ideals einer 40-Stunden-Woche strukturiert ist, nicht denkbar. Schließlich brauchen Menschen, um Erwerbsarbeit leisten und produktiv sein zu können, Nahrung, saubere Kleidung – schlicht Sorge. Es ist ohne Zweifel einer der erfolgreichsten Tricks des Patriarchats, diese Sorge für andere Menschen als »natürlich weibliche Arbeit aus Liebe« unsichtbar zu machen, sie also in die Sphäre des Privaten zu verbannen und ihr damit gesellschaftliche Aufmerksamkeit und Anerkennung zu verweigern.

In öffentlichen Debatten wird häufig behauptet, dass »Frauen zu wenig arbeiten«, doch tatsächlich arbeiten sie durchschnittlich circa 1,5 Stunden mehr als Männer pro Tag. Selbst erwerbstätige Frauen leisten im Schnitt noch wöchentlich acht Stunden mehr unbezahlte Sorgearbeit als erwerbstätige Männer. Diese acht Stunden sind eine wesentliche Ursache für die geringere Beteiligung von Frauen an der Erwerbsarbeit, mit allen negativen sozialen und ökonomischen Folgen, die das für Frauen hat. Der Gender Pay Gap, also der prozentuale Anteil, den Frauen im Durchschnitt pro Arbeitsstunde weniger verdienen als Männer, betrug auch im Jahr 2024 noch knapp 16 Prozent und lag damit über dem europäischen Durchschnitt; der Gender Pension Gap betrug 43 Prozent im Jahr 2023. 

Die aktuelle Diskussion über eine Erhöhung der Erwerbsarbeitszeit zeigt, dass Sorgearbeit immer noch nicht als Arbeit wahrgenommen und die Vereinbarkeit von Sorge- und Erwerbsarbeit als individuelles Problem von Frauen, aber nicht als gesellschaftliche Aufgabe verstanden wird. Vielleicht würde ein Frauenstreik daran ja etwas ändern.

Bettina Kohlrausch

Bettina Kohlrausch ist Wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung.

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