Der venezolanische Präsident Nicolás Maduro ist am vergangenen Samstagmorgen bei einem völkerrechtswidrigen Angriff der USA gefangen genommen und nach New York verschleppt worden. Aus dem Weißen Haus heißt es, Maduro solle sich unter anderem wegen »Narcoterrorismus« vor Gericht verantworten. Doch der US-amerikanische Präsident Donald Trump wies in seinen Erklärungen auf ein weiteres Motiv hin, einen Regimewechsel im südamerikanischen Land zu erzwingen: seine reichhaltigen Bodenschätze. Venezuela besitzt die größten bekannten Ölvorkommen der Welt, sowie viele weitere wertvolle Mineralien wie Gold und seltene Erden. Wie ordnen also Ökonominnen und Ökonomen die neuesten Entwicklungen in Venezuela ein?
Wieso Venezuela?
Auf Nachfrage von Surplus erklärt Barbara Fritz vom Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin, dass es »relativ zweifelsfrei« um Ölinteressen ginge. Venezuela verfüge über die größten bekannten Erdölvorkommen, doch es handele sich um besonders schweres und saures Öl, das eine aufwendige Weiterverarbeitung erfordere. Die Extraktion von Gold und weiteren seltenen Erden spiele in der venezolanischen Wirtschaft eine untergeordnete Rolle und erfolge oft im informellen bis illegalen Rahmen, so Fritz.
Im Zuge der nationalistischen Wirtschaftspolitik von Hugo Chávez ab Ende der 1990er Jahre haben viele US-amerikanische Ölkonzerne das Land verlassen oder sind enteignet worden, was das Weiße Haus unter Trump als »Diebstahl« bewertet. Surplus-Herausgeber und Wirtschaftshistoriker Adam Tooze weist in seinem Chartbook auf die langwierigen juristischen Auseinandersetzungen hin, die sich angesichts der Verstaatlichung der Ölindustrie entzündeten. Obwohl einige Verfahren beigelegt worden sind, bestehen noch offene Entschädigungsforderungen der Konzerne Exxon und ConocoPhillips, die für Trumps Entscheidung eine Rolle spielen könnten, so Tooze.
Der französische Ökonom Gabriel Zucman, der im kalifornischen Berkeley lehrt, weist auf die lange Geschichte der US-amerikanischen Ölextraktion in Venezuela hin. Seiner Meinung nach geht es Trump um die »Rückforderung der Einnahmen für US-amerikanische Ölkonzerne«, die in den 1950ern ihren Höhepunkt erreichten. Er schreibt, dass »1957 die Profite der US-Ölkonzerne in Venezuela ungefähr gleich den Profiten aller multinationalen Konzerne der USA im Rest Lateinamerikas und Europas zusammen« entsprochen hätten. In diesem Jahr seien ungefähr 12 Prozent des Nettoeinkommens des Landes in die USA geflossen. Trump gehe es Zucman zufolge um die Wiederherstellung dieser Beziehungen vor der Verstaatlichung der Ölindustrie Venezuelas im Jahr 1976.
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