Im Morgengrauen des 3. Januar 2026 bombardierte das US-Militär Caracas und entführte den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro. Zuvor hatten die USA bereits eine Seeblockade verhängt und insgesamt 116 Menschen in venezolanischen und kolumbianischen Gewässern getötet. Bis vor Kurzem hatte die US-Regierung die rechtswidrigen Angriffe vor allem mit Maduros angeblichen Verstrickungen in Drogenhandel und Terrorismus sowie Zweifeln an seiner demokratischen Legitimität begründet. Nach dem Putsch sprach Trump dann aber kaum noch über Drogenhandel oder Demokratie. Stattdessen betonte er, dass die Absetzung Maduros endlich den Weg für US-Firmen freimache, um »ungeheure Reichtümer aus Venezuela zu extrahieren«, und zwar in Form von Öl. Schließlich habe das sozialistische Venezuela einst amerikanische Ölfirmen enteignet – für Trump der »vielleicht größte Diebstahl amerikanischen Eigentums in der Geschichte«. Zu oft, so Trump weiter, hätten die Vereinigten Staaten Kriege geführt, ohne die Ressourcen der Besiegten unter den Nagel zu reißen. Anders als nach den US-Angriffen auf Libyen, Syrien oder den Irak solle das amerikanische Kapital dieses Mal wirklich profitieren. Letzteres scheint jedoch gar kein Interesse an Venezuela zu haben. Der amerikanische Überfall hat deshalb etwas von einem imperialistischen »Reality-TV-Cosplay«, wie Surplus-Herausgeber Adam Tooze es formulierte: einer Aufführung des Imperialismus als Farce, die primär auf ihr Publikum abzielt, nicht auf das Kapital.
Der US-Präsident performt nur die Karikatur eines wirtschaftlich angetriebenen Imperialismus, wie ihn Hobson, Lenin oder Luxemburg verstanden: kapitalistische imperialistische Staaten nutzen militärische und andere Mittel, um heimischen Unternehmen privilegierten Zugang zu Ressourcen und Märkten auf dem Territorium anderer Staaten zu verschaffen. Ein klassisches Beispiel: Anfang der 2000er hatte die US-Ölindustrie ein echtes Interesse an der Erschließung irakischen Öls, und die Bush-Regierung ermöglichte diese Erschließung mit militärischen Mitteln. Auch die lange Geschichte imperialistischer US-Interventionen in Lateinamerika dient Trump als dramaturgischer Fundus. Wer seine Äußerungen ernst nimmt, dürfte also die amerikanischen Ölkonzerne – ExxonMobil, Chevron, ConocoPhillips – als die wesentlichen Profiteure, vielleicht sogar Drahtzieher hinter dem Angriff auf Venezuela vermuten. Tatsächlich deutet aber wenig darauf hin.
Das Potenzial der venezolanischen Ölindustrie
Zweifellos birgt Venezuela Potenzial: Je nach Schätzung verfügt es über 15 bis 20 Prozent der globalen Ölreserven. Die Exporte, die 2017 noch bei 2 Millionen Barrel pro Tag lagen, sind vor allem aufgrund von US-Sanktionen kollabiert – zuletzt auf lediglich 130.000 Barrel pro Tag. Schätzungen von JP Morgan zufolge wäre theoretisch eine Produktion von 2,5 Millionen Barrel denkbar. Vor allem Chevron, die einzige aktuell in Venezuela aktive US-Ölfirma, könnte dieses Potenzial heben, und tatsächlich stieg der Chevron-Aktienkurs nach dem 3. Januar zeitweilig um 8 Prozent.
Und doch hielt sich der Enthusiasmus der großen US-Ölfirmen nach Trumps Pressekonferenz eher in Grenzen. Chevron, ConocoPhillips und ExxonMobil äußerten sich allesamt zurückhaltend zu möglichen Investitionen in Venezuela. Chevrons ehemaliger Lateinamerika-Chef warb zuletzt offenbar 2 Milliarden US-Dollar ein; um die Produktion auf das Niveau von 2017 zu heben, wären aber wohl über 100 Milliarden nötig. Dass solche Summen investiert werden, glaubt kaum jemand in der Industrie.
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