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Das Wirtschaftsmagazin

Viktor Agartz: »Jeder Lohn ist ein politischer Lohn«

Mit seiner »expansiven Lohnpolitik« machte der sozialistische Ökonom Viktor Agartz in den Fünfzigerjahren aus Lohnfragen Machtfragen.

6 Minuten Lesedauer

Collage: Surplus, Material: IMAGO/ZUMA/Keystone, IMAGO/Panama Pictures

Es war ein Politikum ersten Ranges, als der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) am 29. September 1950 zur Großkundgebung nach Düsseldorf lud. Man hatte sich vorgenommen, nicht nur die allgemeine Bedeutung der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung für die Wirtschaft und Gesellschaft der neuen Bundesrepublik deutlich zu machen. Mehr noch: Der DGB wollte die eigenen Forderungen für eine ebenso umfassende wie weitreichende wirtschaftsdemokratische Mitbestimmung auf betrieblicher und überbetrieblicher Ebene öffentlich publik machen. Das sollte einen heißen Herbst des öffentlichen Kräfteringens einleiten. 

Im großen Festsaal der Düsseldorfer Großkundgebung saßen damals nicht nur sämtliche Führungsfunktionäre des DGB und der Einzelgewerkschaften sowie der Großteil der geschäftsführenden Sekretäre der zahllosen DGB-Kreis- und Ortsausschüsse, sondern auch zahlreiche Bundes- und Landesminister und hohe Vertreter der alliierten Besatzungsmächte sowie einige Dutzend Presse- und Rundfunkvertreter. Nach einer kurzen Begrüßung des schwerkranken DGB-Vorsitzenden Hans Böckler betrat schließlich Viktor Agartz (1897-1964) das Podium zu einer abendfüllenden Grundsatzrede und schlug, in den Worten eines späteren Gewerkschaftshistorikers, »ausgesprochen kämpferische Töne« an. Der Sozialdemokrat und Gewerkschafter gehörte damals zur ersten Reihe der bundesdeutschen Politik, hatte sich, in den Jahren 1946/47, als gleichsam erster Wirtschaftsminister der westlichen Besatzungszonen einen internationalen Namen gemacht und 1947/48 das gewerkschaftseigene Wirtschaftswissenschaftliche Institut (WWI) mit aufgebaut, das er seit Ende 1949 auch als formeller Leiter führte. Nicht zu Unrecht galt er deswegen als Böcklers »Generalstabschef« und hatte entsprechend auch die sogenannten Hattenheimer Gespräche inhaltlich vorbereitet und eingreifend begleitet. Nun begründete er, einmal mehr, das gewerkschaftliche Wollen, wie es sich nach 1945 als Lehre aus dem Nazi-Faschismus und dem Strukturwandel der modernen Industriegesellschaften herausgeschält hatte.

Sozialisierung der Schlüsselindustrien

In den ersten Monaten des Jahres 1950 hatte man, nach der ersten Bundestagswahl und unter der Schirmherrschaft der ersten Bundesregierung, vergeblich versucht, mit führenden Verbandsvertretern der westdeutschen Industrie zu einer gemeinsamen Neuordnung der im Bonner Grundgesetz ausgesparten Sozial- und Wirtschaftsordnung zu kommen. Die jedoch hatten in den Hattenheimer Gesprächen jedes tatsächliche Zugeständnis an wirtschaftsdemokratische Vorstellungen als unzulässigen Angriff auf ihr unternehmerisches Eigentums- und Weisungsrecht erfolgreich zurückgewiesen. Den Gewerkschaften jedoch hatten sie den Schwarzen Peter dafür zugeschoben, dass man sich auf konsensualem Wege nicht einigen wollte und konnte.

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Christoph Jünke

Christoph Jünke lebt und arbeitet als Historiker in Bochum. Zuletzt erschien von ihm »Viktor Agartz oder: Ein Leben für und wider die Wirtschaftsdemokratie«.

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